Südtiroler Autonomie : Ist Südtirol italienisch genug, Herr Kompatscher?

Das beliebte Reiseziel genießt eine weitreichende Autonomie in Italien. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher preist das Modell als Beispiel für die Welt – doch auch nach 80 Jahren bleiben noch viele Fragen offen.

In der Meraner Laurinstraße wird gerade gebaut. Ein Straßenschild verweist auf eine „deviazione“, auf eine Umleitung. Mancher Autofahrer ärgert sich über die längere Fahrzeit. Die „Süd-Tiroler Freiheit“ ärgert sich über etwas anderes. Sie vermisst ein Wort. „Umleitungsschilder wieder nur auf Italienisch“, wettert die Regionalpartei auf ihrer Internetseite. Für sie ist die fehlende deutsche Übersetzung nicht bloß ein praktisches Versäumnis, sondern ein weiteres Beispiel für eine aus ihrer Sicht unzureichende Umsetzung der Sprachenrechte.

Denn Südtirol, mit den Dolomiten ein beliebtes Reiseziel deutscher Urlauber seit vielen Jahren, verfügt über eine ganz besondere gesellschaftliche Form. Das mehrsprachige Gebiet erstreckt sich über 130 Autobahnkilometer vom Brenner bis zum Trentino und über fast 300 Straßenkilometer vom Vinschgau bis zum Pustertal. Hier leben Deutsch-, Italienisch- und Ladinischsprachige in einer politischen Ordnung, die ihre jeweiligen Rechte schützen soll. Die Autonome Provinz Bozen – sie entspricht dem „Land Südtirol“, das kein „Land“ im politischen Sinne ist – kann innerhalb der Italienischen Republik eine weitreichende Selbstverwaltung für sich in Anspruch nehmen. Sie reicht von eigenen Finanzen bis zu einem Stellenproporz im öffentlichen Dienst, der von der Größe der Sprachgruppen abhängt.

Eine Hauptrolle im feinen Kursaal

Nur wenige Straßen von der Laurinstraße entfernt, im Meraner Kurhaus, hat sich kürzlich die hohe Politik versammelt. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella wie auch Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen nehmen gemeinsam an einem Festakt teil. Vor 400 geladenen Gästen würdigen die beiden Spitzenpolitiker exakt passend zum historischen Datum den 80. Jahrestag des am 5. September 1946 unterzeichneten Pariser Vertrags. Der ging als Gruber-De-Gasperi-Abkommen zwischen Italien und Österreich in die Geschichtsbücher ein. Und er legte die Grundlage für die Autonomie der gesamten Region Trentino-Alto Adige. Südtirol, Alto Adige im Italienischen, ist ein Teil davon.

Zwischen dem fehlenden deutschen Wort auf dem Schild und der Feier im Kurhaus gibt es eine Verbindung. Es sind nicht nur die seitdem vergangenen 80 Jahre harter politischer Arbeit sowie die Phasen schwerer gewaltsamer Proteste. Es ist auch die Frage, ob die damaligen Garantien wirklich im Alltag eingelöst werden. Sie wird bis heute diskutiert.

Ein Mann, den das Thema Tag für Tag umtreibt, spielt dabei eine Hauptrolle: Arno Kompatscher, Landeshauptmann Südtirols und Mitglied der Südtiroler Volkspartei. Die SVP ist in Südtirol ungefähr das, was die CSU in Bayern ist: die lange dominante Regionalpartei. Kompatscher hat in Meran neben dem musizierenden Haydn-Orchester von Bozen und Trient und dem Landesjugendchor am meisten zu tun. Er schüttelt viele Hände, er sitzt direkt neben Mattarella und Van der Bellen, er verleiht den Großen Verdienstorden des Landes Südtirol an die beiden Staatsoberhäupter. Und er hält eine Rede, an der er lange gefeilt hat.

Der Landeshauptmann fährt Bus

Selbst im morgendlichen Pendlerbus der Linie 170 von Völs am Schlern nach Bozen: Jeden Tag bringt der Bus die Menschen aus der Region in die Provinzhauptstadt und wieder zurück. Auch Kompatscher nutzt üblicherweise das öffentliche Verkehrsmittel. Er muss einen halben Kilometer bis zur Haltestelle laufen, nimmt meistens die Verbindung kurz nach sieben Uhr, manchmal auch die vor sieben. Nach 28 Minuten ist der Landeshauptmann am Bozener Bahnhof angekommen. Von da sind es nur noch wenige Schritte zum Palais Widmann, auch Landhaus 1 genannt, dem Sitz der Südtiroler Landesregierung, direkt neben dem Landtagsgebäude. In Bozen sind die Wege kurz.

Das gilt auch für die Kommunikationswege. Bozen hat etwas mehr als 100.000 Einwohner. In ganz Südtirol leben gerade gut eine halbe Million Menschen. Man kennt sich. Wenn der Landeshauptmann in den Bus steigt, geht es familiär zu. Die Mitfahrer seien in der Regel immer die gleichen – „Pendler, Nachbarn und Mitbürger meiner kleinen Heimatgemeinde, die mich schon kennen, bevor ich Landeshauptmann war“, verrät Kompatscher der F.A.Z. Da entwickele sich schnell das eine oder andere Gespräch mit vertraulicher Anrede, denn in diesem Umfeld sei er einfach nur „der Arno“. Andererseits werde er aber auch „respektvoll“ in Ruhe gelassen, wenn er auf seinem iPad arbeite. So wie man Schüler in Ruhe lasse, die noch für die Prüfung lernten. Kompatschers Prüfung ist der Festakt in Meran. Und so sucht er vorher im Bus nach Bozen noch einmal nach den richtigen Worten für die große Bühne im Kurhaus.

Seit 1919 kommt Südtirol nicht zur Ruhe

Grundsätzlich fällt das dem Fünfundfünfzigjährigen nicht schwer. Kompatscher kennt die kleine Welt seiner Dolomitenheimat, deren Berge er schon als Kind mit den Eltern erkundet und lieben gelernt hat. Und Kompatscher kennt die große Weltpolitik, die die Autonomiefrage mit sich gebracht hat. Der Jurist weiß um die Details und darum, wie schwierig es war, dass sich zwei Staaten darauf einigen, wie mit einem Gebiet mit sehr komplizierter Geschichte umzugehen sei. Denn seit 1919 kommt Südtirol nicht zur Ruhe. Direkt nach dem Ersten Weltkrieg wird es Italien zugeschlagen, nach 1922 und danach zwangsitalienisiert, 1939 sorgt die sogenannte Hitler-Mussolini-Option für eine Auswanderungswelle. Nach dem Zweiten Weltkrieg bringen der Pariser Vertrag und das erste Autonomiestatut zunächst keine ausreichende Lösung. Und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ähnelt Südtirol eher einem Krisengebiet als einer friedvollen Bergregion.

Historiker wie die Innsbrucker Professorin Eva Pfanzelter sprechen gar von „Terrorismus“, wenn es etwa um die Attentatsserie zwischen den Jahren 1956 und 1969 geht. Im „Befreiungsausschuß Südtirol“ hatten sich damals radikale Einheimische zusammengefunden. Sympathisierende Österreicher unterstützten sie politisch, finanziell und organisatorisch. In der sogenannten Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 wurden gleich 37 Hochspannungsmasten gesprengt. Später attackierten die Täter italienische Staatsvertreter wie die Carabinieri.

Bis heute eine „sensible Angelegenheit“

Zwar galt der Grundsatz, keine Menschenleben zu gefährden. Doch zur Konsequenz gehörten neben erheblichen Sachschäden auch Tote und Verletzte. „Der italienische Staat griff rigoros durch. Südtirol verwandelte sich in ein Heerlager“, schreibt Pfanzelter und erinnert an Verhaftungen, brutale Haftbedingungen und Foltervorwürfe gegen die italienische Polizei und das Gefängnispersonal. Einige Attentäter wiederum, die nach Österreich geflohen waren, seien bis heute nicht begnadigt und worden und hätten nie nach Südtirol zurückkehren können. „Gerade deshalb bleibt das Thema bis heute eine sensible Angelegenheit“, lautet ein Fazit der Wissenschaftlerin.

Diese Sensibilität demonstrieren Parteien wie die Süd-Tiroler Freiheit schon im Begrifflichen. In den damaligen Attentätern sehen sie keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer. Nicht den Südtirolaktivisten wird das Etikett Terrorismus angehängt, sondern dem damaligen „italienischen Terrorstaat“. Vor Jahren sorgte die damals gerade gegründete, patriotisch und separatistisch ausgerichtete Organisation am Brenner für Ärger. Plakate verkündeten dort: „Süd-Tirol ist nicht Italien!“ Heute findet die „Süd-Tiroler Freiheit“, 80 Jahre Pariser Vertrag seien „kein Grund zum Feiern“. Was derzeit in Südtirol stattfinde, sei vielmehr ein Verrat an der Autonomie und den Minderheitenrechten, sagt Parteimitgründer Sven Knoll. Primäres Ziel bleibe „die Loslösung von diesem Staat, zu dem wir nicht gehören wollen“.

Vielfalt, aber kein Schmelztiegel

Nicht mit Arno Kompatscher. Wer den Landeshauptmann aus der Reserve locken will und ihm eine vermeintlich provokante Frage stellt wie: „Ist Südtirol eigentlich italienisch genug?“, kommt nicht weit. Ebenso könnte man fragen, ob die Provinz „deutsch genug“ sei – die Antwort wäre dieselbe. Erst kommt ein mild-kokettes Lächeln, dann folgt eine sorgfältig durchformulierte Antwort. „Ich glaube, dass unsere Autonomie eben genau das Problem gelöst hat. Dass es nicht darum geht, ob man italienisch, österreichisch oder deutsch genug ist, sondern dass man genau diese Vielfalt als Mehrwert anerkennt.“

Dabei ist Kompatscher konservativ genug, nicht ein linksalternatives internationales Gesellschaftsmodell zu propagieren. Von „Schmelztiegeln“ hält er wenig. „Die Idee ist nicht der Melting Pot, wo alles verschwimmt und nichts mehr da ist von Identität. Nein, Identitäten gehören durchaus gestärkt und geschützt. Die sind dann ein Haltegriff in der heutigen Welt, denn die Menschen brauchen das.“

Aber was ist man nun in Südtirol? Italiener, Österreicher oder vielleicht etwas ganz anderes? Kompatschers Antwort fällt länger aus. In einem Begriff lässt sich das für ihn nicht beantworten. „Ich bin als Südtiroler, das ist geographisch festgelegt, Tiroler und somit Angehöriger der österreichischen Minderheit in Italien. Ich bin italienischer Staatsbürger und bin gleichzeitig Europäer. Meine Identität ist also eine vielschichtige und vielfältige.“

Ein Staatsbürger mit Akzent

Als Kompatscher 2014 erstmals als Landeshauptmann antrat, wollten die römischen Journalisten vor allem eines von ihm wissen: Fühlen Sie sich als Italiener? Da verwies er auf seinen Akzent. Auch wenn er fließend Italienisch spreche, hörten Italiener, dass er nicht Italiener sei – um gleich nachzuschieben, dass er italienischer Staatsbürger sei.

Ja, es ist kompliziert im Dolomitenland, und das bleibt es wohl auch. Immer wieder wird im übrigen Stiefel über die „italianità“ der Südtiroler diskutiert. Vergangenes Jahr entzündete sich eine aufgeregte Debatte an Jannik Sinner, dem Weltranglistenersten im Tennis aus Sexten, sowie an der Meraner Bürgermeisterin Katharina Zeller. Sinner wurde vorgehalten, ein „widerwilliger Italiener“ zu sein, weil er seine Millionen nicht in Italien, sondern in Monaco versteuere und sein Vater nur ein „mühseliges Italienisch“ spreche. Zeller wiederum sorgte für einen Shitstorm in den sozialen Medien, als sie zur Amtsübernahme eine umgelegte Schärpe in den italienischen Nationalfarben sehr schnell abnahm und über eine Stuhllehne legte. „Die Trikolore zu ehren, heißt, das Vaterland zu ehren. Mit Respekt, Hingabe und Stolz. Immer“, ließ daraufhin Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihre Follower wissen.

Ob in solchen Äußerungen auch ein wenig Neid auf die erfolgreichen Südtiroler steckt? Zumindest gehört die Region Trentino-Alto Adige neben der Lombardei zu den beiden wirtschaftlichen Superstars in Italien. Sie sind die eifrigsten Nettozahler im Land. Es ist ein Aspekt, der den Bozener Landeshauptmann ein wenig stolz macht – neben der Tatsache, dass er das Südtiroler Autonomiemodell als gutes Beispiel dafür betrachtet, wie sich Minderheitenkonflikte rund um den Globus befrieden lassen. Immer wieder kommen UN-Delegationen nach Bozen, um zu lernen, wie es die Südtiroler machen. Bald soll in der Stadt ein Dokumentationszentrum für globalen Minderheitenschutz entstehen, ein Projekt mit einem dreistelligen Millionenvolumen.

Kompatscher ist noch rund zwei Jahre als Landeshauptmann im Amt. Der Mann, der mit seiner Frau Nadja sieben Kinder großgezogen hat, der früher als DJ die Dorfjugend im Umkreis unterhielt („immer etwas schräger als der reine Mainstream“) und in einer Band auch mal Punkmusik spielte, der Geschäftsführer der Seiser-Alm-Bahnen und Bürgermeister in Völs war und gerne schon mal einen Halbmarathon absolviert – was plant er danach? Man könnte sich den bestens vernetzten Mann gut in einem internationalen Amt vorstellen. Aber da müsste ihn sein Staat nominieren. Einen deutschsprachigen Südtiroler? Darauf mag Kompatscher dann doch nicht hoffen. So eine Autonomie – sie hat halt auch ihre Nachteile.