Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne ist tot
Der Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne ist in der Nacht von Sonntag auf Montag verstorben. Das erfuhr das manager magazin aus seinem familiären Umkreis. Kühne soll vor zehn Tagen von Mallorca in seinen Schweizer Wohnort Schindellegi zurückgekommen sein. Da ging es ihm schon schlechter, er sei ärztlich behandelt worden, berichten die Kreise. Seine Spedition, die Kühne + Nagel AG, bestätigte Kühnes Tod inzwischen, er wurde 89 Jahre alt.
„In seinem langjährigen Wirken hat er nicht nur den globalen Handel wegweisend geprägt, sondern auch die moderne Logistik und die Form der heutigen weltweiten Versorgungsketten wesentlich gestaltet“, hieß es in der Mitteilung des Unternehmens. „Mit dem Tod von Klaus-Michael ist ein Visionär, ein großer Unternehmer und eine eindrucksvolle Persönlichkeit von uns gegangen“, erklärte Kühne + Nagel-Verwaltungsratspräsident Jörg Wolle (69).
Logistiker durch und durch
Kühne wurde 1937 in Hamburg geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre trat er 1958 im Alter von 21 Jahren in das Familienunternehmen Kühne + Nagel ein, das von seinem Großvater im Jahr 1890 mitgegründet wurde. Im Jahr 1966 wurde er Chef von Kühne + Nagel, kurz danach verlegte er den Firmensitz aus steuerlichen und politischen Gründen in die Schweiz.
Kühne baute das mittelständische Familienunternehmen zu einem Weltkonzern mit mehr als 1300 Niederlassungen in knapp 100 Ländern und rund 88.000 Mitarbeitern aus und behielt über Jahrzehnte hinweg die operative Verantwortung. Später war er Verwaltungsratspräsident, seit 2011 bekleidete er das Amt des Ehrenpräsidenten des Verwaltungsrats.
Die Kühne Holding hält mit 55,4 Prozent nach wie vor die Mehrheit an der Spedition Kühne + Nagel, die inzwischen zu einer der weltweit führenden Logistikdienstleister im Luft- und Seefrachtverkehr aufgestiegen ist. Hinzu kam im Jahr 2009 eine Beteiligung an der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, um diese vor einem Verkauf an asiatische Investoren zu retten. Hier ist die Holding mit 30 Prozent beteiligt.
Aufbau einer Mini-Deutschland-AG
In den letzten fünf Jahren agierte der Milliardär wie im Kaufrausch: Seine Kühne Holding hat Anteile an dem Chemielogistiker Brenntag (rund 20 Prozent), dem Bus- und Bahnbetreiber Flix (rund 20 Prozent) und der Lufthansa übernommen. Erst im Mai stockte er hier von 15 auf rund 20 Prozent auf.
Seine Beteiligung an Immobiliengeschäften des Österreichers René Benko (49) dagegen fiel ihm mit dem Kollaps von dessen Imperium auf die Füße: Er habe sich um den Finger wickeln lassen und eine halbe Milliarde Euro verloren, bekannte Kühne später.
Eigenes Luxushotel: Klaus-Michael und Christine Kühne vor ihrem Fünf-Sterne-Hotel „The Fontenay“ bei der Eröffnung 2018 in Hamburg
Foto: BREUEL-BILD / IMAGOKühne und seine Ehefrau Christine sind kinderlos. Sein Vermögen, das das manager magazin in seiner jährlich erscheinenden Liste der reichsten Deutschen auf rund 23,5 Milliarden Euro schätzte, soll nach seinem Tod an die Kühne-Stiftung übergehen. Die Stiftung ist Inhaberin der Holding. Für seine Nachfolge als Präsident der Stiftung – das bei Weitem mächtigste Amt – hat er seinen ewigen Notar Thomas Staehelin (78), einen Schweizer, vorgemerkt.
Über viele Jahre war er zudem der prägendste und finanzstärkste Mäzen des Hamburger SV. Kühne unterstützte seinen Lieblingsclub in den vergangenen Jahren immer wieder finanziell und stopfte damit Löcher in den leeren Kassen der Hanseaten. Insgesamt soll Kühne über die Jahre rund 100 Millionen Euro in den HSV gesteckt haben, zeitweise hielt der Manager über 20 Prozent an der ausgegliederten HSV Fußball AG. Zuletzt erwarb Kühne auch die Namensrechte am HSV-Stadion, sodass die Arena wieder Volksparkstadion heißen konnte.
„Mir liegt der Verein enorm am Herzen, ich bin von Kindesbeinen an ein Fan und schaue jedes Spiel im Fernsehen“, sagte er in einem Interview. „Der HSV verliert einen treuen Gesellschafter, Unterstützer und leidenschaftlichen Anhänger“, schreibt der Fußball-Bundesligist auf seiner Website nach dem Tod des 89-Jährigen.
Kühne unterstützte zudem über Stiftungen das Kulturleben in Hamburg, spendete Millionen für die Elbphilharmonie und gründete eine Logistik-Hochschule in der Hansestadt. Auch das Luxus-Hotel „The Fontenay“ in Hamburg gehört zu seinen bedeutenden Investitionen.
Kühne+Nagels NS-Vergangenheit
Kritik gab es am Ursprung von Kühnes märchenhaftem Vermögen, denn das Familienunternehmen Kühne+Nagel hatte im Zweiten Weltkrieg mit dem NS-Regime zusammengearbeitet und geraubte Güter aus jüdischem Besitz transportiert. Anders als viele andere Unternehmer weigerte sich Kühne jedoch zeit seines Lebens, die Vergangenheit von einer unabhängigen Stelle wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. „Für mich ist das Kapitel abgeschlossen, und ich werd's nicht wieder öffnen“, sagte er dem SPIEGEL . „Ungeschehen machen kann man es leider nicht.“
In diesem Zusammenhang stand auch Kühnes letztes Engagement in Hamburg – nämlich der Bau einer neuen Oper auf dem Baakenhöft in der Hafencity. Opernfan Kühne hatte angekündigt, der Hansestadt für ein neues Opernhaus bis zu 340 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Mit dem Bau der neuen Oper könnte Anfang 2030 begonnen werden, die Fertigstellung wäre 2034 möglich.
Kühne solle besser in Deutschland Steuern zahlen, als sich als Mäzen feiern zu lassen, monierten Kritiker. Die Wahl des Geldgebers entspreche zudem nicht dem heutigen kulturellen Bewusstsein.
So könne die Vergangenheit von Kühnes Unternehmen dem Ruf einer neuen Oper massiv schaden. Die „New York Times“ etwa schrieb: „In den letzten Jahren sind internationale Kulturinstitutionen – wie das Metropolitan Museum of Art in New York oder die National Portrait Gallery in London – zunehmend unter Druck geraten, ihre Geldquellen kritisch zu hinterfragen.“