Besuch bei Isar Aerospace : Pistorius will einen Raketenstartplatz für die Bundeswehr

Für den Verteidigungsminister steht fest: Europa muss seine Sicherheit im Weltraum verteidigen. Dazu sind deutlich mehr Satelliten erforderlich.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius will die Sicherheitsarchitektur im Weltraum ausbauen und das Tempo deutlich erhöhen. Anlässlich seines Besuchs des Ottobrunner Werks des Raumfahrt-Start-ups Isar Aerospace sagte er am Donnerstag, dass die Kapazitäten von Satelliten gemeinsam mit Frankreich deutlich ausgebaut werden. Dazu seien aber auch mehr Startplätze für Raketen erforderlich. „Wir denken über einen Startplatz für die Bundeswehr nach“, sagte er. Pistorius wollte sich aber nicht dazu äußern, wo dieser Startplatz sein könnte.

In Europa gibt es einen Raketenstartplatz auf der schottischen Shetland-Insel Unst (Saxavord) sowie einen im norwegischen Andøya, von wo aus Isar Aerospace in diesem Jahr viermal vergeblich den zweiten Testflug seiner Trägerrakete Spectrum versucht hat. Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler sagte, dass der nächste Versuch möglichst bald erfolgen soll, wollte sich aber nicht auf ein genaues Zeitfenster festlegen. Dass dieser glückt, darauf hofft auch Pistorius: „Trägerraketen tragen zur Weltraumsicherheit bei.“

Entscheidend im Gefechtsfeld der Zukunft

Er hält eine sichere, auf Satelliten gestützte Kommunikation im Gefechtsfeld der Zukunft für entscheidend. Mithilfe von Trägerraketen können diese in den Weltraum befördert werden. Bislang ist die Bundeswehr auf die Raketen von SpaceX, dem amerikanischen Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, angewiesen. Doch Pistorius wünscht sich mehr technologische Souveränität. Dabei setzt er auch auf Isar Aerospace. Die Entwicklung des erst 2018 gegründeten Unternehmens imponiert ihm: „Da muss ich meinen Hut ziehen“, sagte er.

Bis zum Jahr 2030 will der Bundesverteidigungsminister 35 Milliarden Euro in die Sicherheitsarchitektur im Weltraum investieren. Der Ausbau von Raketenstartplätzen sei dafür entscheidend. Die Vorhandenen würden nicht reichen. Es sei mehr Diversifizierung nötig. Die Startplätze müssten strategisch verteilt werden. Sollte einer bei einem Angriff zerstört werden, braucht es also ausreichend Alternativen. Als alternativlos hingegen bezeichnete Pistorius die Weltraumsicherheit.

Satelliten für Aufklärung und Zielerfassung

Für Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler beginnt die Verteidigung der freien Welt im All. „Satelliten sind der Schlüssel für militärische Aufklärung und Zielerfassung“, sagte er. Doch von Europa aus könnten nicht ausreichend Satelliten gestartet werden. Metzlers Angaben zufolge gab es im vergangenen Jahr 330 Raketenstarts auf der Welt, aber nur acht in Europa. Neben Andøya wird Isar Aerospace in Zukunft auch einen Startplatz in Kanada haben. Dort plant Metzler den ersten Raketenstart im Jahr 2028.

Der Besuch von Pistorius erfolgte in einer Phase, in der Isar Aerospace seine Produktionskapazitäten von Ottobrunn nach Parsdorf, also von einem südlichen in einen nördlichen Vorort Münchens verlagert. In Parsdorf verzehnfacht Isar Aerospace seine Produktionsfläche. Ab dem Jahr 2030 beabsichtigt Metzler dort 40 Raketen im Jahr herzustellen. Derzeit bewegt sich die Produktionskapazität im einstelligen Bereich. Für Isar Aerospace arbeiten 500 Personen. Bis zum Jahresende erwartet das Start-up 600 Beschäftigte.

Pistorius will Start-ups Zugang ermöglichen

Pistorius hält es nicht für notwendig, dass der Bund Rüstungs-Start-ups finanziell unterstützt. Die Münchner Rüstungs-Start-ups Helsing und Quantum Systems hatten kürzlich sehr erfolgreich Mittel bei privaten Investoren eingesammelt. Staatliche Beteiligungen bei zentralen Rüstungsunternehmen wie zum Beispiel dem Radar- und Sensorspezialisten Hensoldt oder dem Panzerhersteller KNDS hält Pistorius für sinnvoll. Es sollte aber nicht die Regel sein. Schon gar nicht sollte der Staat als Venture-Capital-Geber für Rüstungs-Start-ups agieren.

Man sei mit den jungen Unternehmen regelmäßig in Kontakt. Die benötigten kein Kapital, sondern einen Zugang zur Bundeswehr und zur Technologie. „Wir lassen sie in den Kosmos rein“, sagte der Verteidigungsminister. Die Aufgabe des Staates sei es, zu verknüpfen und zu vernetzen. Pistorius hält es für unmöglich, die Systeme für die Weltraumsicherheit alleine aus Deutschland heraus aufzubauen und warb für eine europäische Zusammenarbeit: „Das geht nur gemeinsam und kooperativ.“

Die rüstungsbezogenen Anfragen bei Isar Aerospace nehmen weiter rasant zu. Vor wenigen Monaten hatte Metzler noch gesagt, dass 60 Prozent der Anfragen aus dem militärischen Umfeld kämen. Nun schätzte er den Anteil auf bis zu 70 Prozent. Im vergangenen Jahr dominierten noch kommerzielle Interessen mit 85 Prozent. Über Isar Aerospace, Satelliten ins All zu schicken, ist ein sehr begehrtes Gut: Bis 2028 ist das Unternehmen ausgebucht.

Derzeit schickt sich mit der Rocket Factory Augsburg ein zweites deutsches Unternehmen an, einen Testflug vom schottischen Saxavord aus zu starten. Beim Test der ersten Stufe der RFA-1-Rakete war es vor zwei Jahren zu einer Explosion gekommen. Von den vier gescheiterten Startversuchen in diesem Jahr lässt sich Isar-Aerospace-Chef Metzler nicht abschrecken. Jeder Test und jeder Fehlversuch liefere wertvolle Daten.