In Hongkong : Shein verpatzt Börsengang
Die Aktie des chinesischen Moderiesen büßt zum Handelsstart deutlich ein. Shein liegt damit sogar hinter dem schwedischen Konkurrenten H&M.
Der Onlinemodehändler Shein hat seinen Börsengang in Hongkong verpatzt. Der Aktienkurs fiel am Dienstag kurz nach Handelsbeginn um rund zehn Prozent auf 43,8 Hongkong-Dollar (4,81 Euro). In der Folge erholte er sich leicht, lag aber immer noch deutlich unter dem Eröffnungskurs von 48,56 Hongkong-Dollar, der dem Niveau des Ausgabekurses entsprach.
Damit wird das Unternehmen aktuell noch mit rund 24,5 Milliarden US-Dollar (21,1 Milliarden Euro) bewertet. Das ist rund ein Viertel der Bewertung aus dem Jahr 2022, als Investoren Shein auf 98 Milliarden US-Dollar taxierten. Damit liegt der Modekonzern knapp hinter dem schwedischen Modekonzern H&M, der auf mehr als 25 Milliarden US-Dollar kommt, und weit hinter dem spanischen Moderiesen Inditex, der mit mehr als 200 Milliarden US-Dollar bewertet wird. Inditex ist etwa für seine Marke Zara bekannt. Shein hat seine Ursprünge in China, dort ist auch weiterhin ein Großteil der Lieferkette, der Konzern hat seinen Sitz vor vier Jahren aber nach Singapur verlegt.
Finanzvorstand Leigh Gui bezeichnete in seiner Rede auf dem Börsenparkett in Hongkong das Geschäftsmodell als „groß angelegt“ und „automatisiert“. Man bediene rund 273 Millionen aktive Kunden in 160 Ländern. Xu Yangtian, Gründer und Chef des Konzerns und auch als Sky Xu bekannt, nahm an der Zeremonie teil, hielt aber keine Rede. Xu ist dafür bekannt, besonders öffentlichkeitsscheu zu sein.
Shein wollte ursprünglich in New York an die Börse gehen, scheiterte dort aber an politischem Widerstand. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob in Sheins Kleidung Baumwolle steckt, die mit Zwangsarbeit produziert wurde. Mehr als 90 Prozent der chinesischen Baumwolle stammt laut der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua aus Xinjiang, einer autonomen Region Chinas, wo die Minderheit der Uiguren Berichten zufolge unterdrückt wird. China weist diesen Vorwurf zurück.
Die USA erließen vor einem halben Jahrzehnt ein Gesetz, das den Import von Waren, die in der Region mit Zwangsarbeit hergestellt wurden, verbietet. China weist den Vorwurf der Zwangsarbeit zurück. Beim späteren Versuch Sheins, in London an die Börse zu gehen, gab Peking kein grünes Licht für eine Formulierung des geschäftlichen Risikos, das durch dieses US-Gesetz entsteht.
Zölle treffen Shein
Achim Berg, Berater für Modeunternehmen und früher für das Beratungshaus McKinsey tätig, warnte davor, Shein zu früh abzuschreiben. Sheins Fähigkeit, flexibel auf Nachfrage zu reagieren und neue Trends schnell umzusetzen, sei immer noch überlegen. „Das schafft in Europa in dieser Form niemand“, sagte Berg.
Shein habe den idealen Zeitraum für einen Börsengang sicher verpasst. Der Start wirke nun notgedrungen, um die Erwartungen der Investoren nicht noch länger zu enttäuschen. Doch er sieht keinen Grund, warum Shein langfristig an der Börse scheitern sollte. In so kurzer Zeit zum zweitgrößten klassischen Modehändler der Welt aufzusteigen, sei beeindruckend. Inditex, der Mutterkonzern von Zara, habe für einen vergleichbaren Erfolg viel länger gebraucht. „Wenn der Zollsturm vollständig eingepreist und überstanden ist, könnte der Gewinn deutlich zulegen“, ist er überzeugt. Hinsichtlich der Erlöse traut Berg Shein sogar zu, langfristig Inditex vom Thron zu stoßen und die Nummer eins der Welt zu werden.
Shein kämpft mit den Auswirkungen der neuen Zollpolitik der USA und Europa. Beide haben eine Zollausnahme für Wareneinfuhren mit geringem Wert geschlossen. In den USA zahlt Shein laut Börsenprospekt aktuell Importzölle zwischen zehn und 87,5 Prozent. Die EU erhebt seit dem 1. Juli eine Zollabgabe von drei Euro, eine weitere Gebühr ist in Arbeit. Die neuen EU-Regeln könnten sich sogar noch stärker auswirken als die der USA, warnt Shein. Das Wachstum des Konzerns ging stark zurück. In den ersten drei Monaten dieses Jahres legte der Umsatz nur noch um ein Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Die operative Rendite betrug 2,9 Prozent, ein im Branchenvergleich niedriger Wert.
Das Nachrichtenportal Euronews berichtete mit Verweis auf Zahlen des französischen Zolls von weniger Einzelpaketen aus China. Mit einem Minus von 15 Prozent seit dem 1. Juli falle der Rückgang von Shein im Vergleich zu Temu und Aliexpress jedoch geringer aus. Möglicherweise zurückgegangene Frachtzahlen von Shein als Schwäche zu deuten, sieht der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel BEVH als trügerisch an. „Wir sehen, dass Shein viel in Lager und Logistik in Polen investiert, um Waren kontrolliert und klassisch per Container einzuführen“, sagt ein Sprecher auf F.A.Z.-Nachfrage. Das sei auch günstiger, als DHL-Flugzeuge zu chartern. „Der Rückgang der Einzelpakete ist also auch gewollt.“