Abrechnung auf den Betriebsversammlungen Worüber bei Volkswagen gestritten wird
Ab heute richten sich die Blicke erneut auf den Volkswagen-Konzern: Es beginnt eine Reihe von Betriebsversammlungen, zu denen der Betriebsrat um dessen Chefin Daniela Cavallo (51) geladen hat, und zu denen auch Vorstände erscheinen sollen. Den Anfang macht das Stammwerk in Wolfsburg: Dort kommen die Beschäftigten am heutigen Dienstag zusammen. Auch Konzernchef Oliver Blume (58) spricht auf der Versammlung.
Krisenmanager: Volkswagen-CEO Oliver Blume muss den Konzern sanieren
Foto: Kay Nietfeld / dpaEs ist zu erwarten, dass es auf den Treffen der VW-Beschäftigten mit den Vorständen hoch hergehen wird. Denn aufseiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europas größtem Autokonzern hat sich viel Frust angestaut. Nicht nur die trüben wirtschaftlichen Aussichten für das kriselnde Unternehmen sorgen für Unmut, sondern auch die Art, wie der Vorstand offenbar gravierende Einschnitte plant, ohne die Beschäftigten aus deren Sicht ausreichend zu informieren und einzubinden.
Worum genau geht es auf Volkswagens Betriebsversammlungen? Welche Streitpunkte gibt es? Welche Standpunkte? Wie sind die Aussichten des Konzerns wirklich? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Was ist das Problem?
„Die weltweite Autoindustrie ist in einer Mega-Krise. Und der Volkswagen-Konzern ist mittendrin.“ So brachte Volkswagen-Chef Blume die Situation zuletzt aus seiner Sicht auf den Punkt. Geopolitik, Handelsbarrieren, Regulatorik, schwache Märkte und massiver Wettbewerb fordern alle, so Blume.
Auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg legte Blume am Dienstag nach: „Unser Ziel ist es, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten belastbare Perspektiven für alle Standorte zu schaffen“, sagte der Konzernchef. Die Konzernmarken hätten den Auftrag, gemeinsam mit den Werken konkrete Optionsräume zu erarbeiten.
Hintergrund: Volkswagen ist es bislang nicht gelungen, den Erfolg früherer Zeiten ins Elektrozeitalter zu übertragen. Insbesondere in China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, schwächelt der Konzern. Die Folge: Gemessen an Umsatz und Gewinn sind die Kosten aus Sicht des Managements zu hoch, es mangelt an Wettbewerbsfähigkeit.
Ruhe vor dem Sturm: Volkswagen-Werk in Wolfsburg am Morgen der Betriebsversammlung
Foto: Stefan Rampfel / dpaKonkret heißt das: Die Verkaufszahlen stagnieren bei rund neun Millionen Fahrzeugen pro Jahr, die operative Umsatzrendite halbierte sich 2025 auf nur noch rund 3 Prozent. Besserung ist Beobachtern zufolge vorerst nicht in Sicht.
Bei einer internen Umfrage („Belief Audits“) unter den Mitgliedern des Konzernvorstands und Porsche-Chef Michael Leiters (55) vor einigen Monaten bezeichneten sechs von neun Befragten die Lage der Volkswagen AG sogar als existenzgefährdet.
Es besteht offenbar Handlungsbedarf. Blume und sein Team wollen die Sachgemeinkosten im Konzern Insidern zufolge bis 2030 um 11 Milliarden Euro senken, berichtete das manager magazin im Juni .
Was plant der Vorstand?
Der Vorstand um Konzernchef Blume plant daher Einschnitte, wie es sie bei Volkswagen bislang nicht gegeben hat: In einer historischen Einigung hatte sich die Konzernspitze Ende 2024 mit den Arbeitnehmern zunächst darauf verständigt, bis 2030 rund 35.000 Jobs zu streichen. Inklusive der Konzernmarken Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad waren daraus in der Folge 50.000 Stellen geworden.
Hinzu kommen neue Pläne, über die das manager magazin im Juni dieses Jahres exklusiv berichtet hatte : Demnach wollen Blume und Co. insgesamt bis zu 100.000 der zuletzt rund 663.000 Stellen im Konzern streichen. Zudem fasst das Management Werkschließungen ins Auge, eine Maßnahme, die lange als undenkbar galt. Als bedroht gelten die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm. Blume hatte in einem Interview gesagt, dass es für diese Standorte keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre gebe.
Werksschließungen seien allerdings bislang nicht beschlossen, sagte Blume am Dienstag in Wolfsburg. „Sie sind immer die letzte und teuerste Lösung.“
Allein an den vier Standorten arbeiten aktuell insgesamt gut 40.000 Männer und Frauen, allerdings insbesondere in Neckarsulm längst nicht alle in der Produktion. Die Fabriken kommen auf eine jährliche Kapazität von rund 750.000 Autos. Den Plänen des Vorstands zufolge dürften die Werke die Produktion zumindest zum großen Teil erst nach 2030 einstellen. Falls möglich, sollten andere Unternehmen – womöglich aus der Rüstungsindustrie – die Werke übernehmen. Doch auch hier gibt es Widerstand, wie das manager magazin berichtete.
Was sagen die Beschäftigten dazu?
Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter machen gegen die Pläne des Volkswagen-Vorstandes mobil. Betriebsratschefin Cavallo hat sich explizit gegen Werkschließungen sowie gegen betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen.
Zuletzt äußerte sich Cavallo am Montag nach einem Werksbesuch in Hannover zu dem Thema. Ihre Linie sei klar, sagte sie. „Wir haben eine Beschäftigungssicherung erkämpft und wir werden auch in Zukunft dafür kämpfen, dass Veränderungen sozialverträglich stattfinden.“
Unter anderem Altersteilzeit müsse weiter angeboten werden. „Wenn das fällt, dann werden wir über andere Maßnahmen sprechen müssen“ – dafür stünde sie als IG-Metall-Mitglied jedoch nicht zur Verfügung.
Schulterschluss: IG-Metall-Chefin Christiane Benner (l.) und VW-Betriebsrätin Daniela Cavallo beim Protest gegen Volkswagens Sparpläne
Foto: Lisi Niesner / REUTERSCavallo fordert von der Konzernspitze Zukunftsperspektiven, die nicht aus „Kostenreduzierungen“ bestünden.
Rückendeckung bekommen die VW-ler auch von der IG Metall, etwa bei einer Demonstration im Juli anlässlich einer Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen. Dass vier Werke geschlossen werden, das werde die IG Metall nicht mitmachen, sagte die IG-Metall-Chefin Christiane Benner (58). „Das werden wir nicht akzeptieren.“
Auch der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (59; SPD) sieht mögliche Werksschließungen bei VW kritisch. Das sei „keine Zukunftslösung“, so Lies gegenüber dem Deutschlandfunk. Die Größe des Konzerns sei eine Chance. Sie in Frage zu stellen, „wäre wirklich fatal“.
„Keine Zukunftslösung“: Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sieht die Pläne des VW-Vorstands kritisch
Foto: Bernhard Herrmann / IMAGONiedersachen ist Großaktionär bei Volkswagen, die Arbeitnehmervertreter und das Bundesland haben im Aufsichtsrat gemeinsam eine Mehrheit. Bei der Aussichtsratssitzung im Juli bekam das der Vorstand bereits zu spüren: Blume stieß mit seinen Plänen zu einem umfassenden Konzernumbau auf Widerstand.
Zudem sorgt die Art des Umgangs und der Kommunikation von Volkswagen-Chef Blume auf Arbeitnehmerseite für Unmut. „Es reicht“, sagte etwa Betriebsratschefin Cavallo im Juli nach der Aufsichtsratssitzung. Das Fass sei „zum Überlaufen gekommen“. Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei „an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten“, so Cavallo.
Am Dienstag auf der Betriebsversammlung in Wolfburg legte sie nach: „Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt“, sagte Cavallo nach Angaben aus Teilnehmerkreisen. „Noch nicht irreparabel. Aber beschädigt.“
„Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten“, so Cavallo demnach.
Welche Aussichten bestehen für Volkswagen?
Das Konzernmanagement um CEO Blume sieht die Lage extrem kritisch und plant entsprechend drastische Maßnahmen. Dabei gehen die Pläne offenbar noch deutlich über bloßen Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen hinaus. So berichten Insider, Blume und Finanzchef Arno Antlitz (56) wollten das Unternehmen völlig neu sortieren. Sowohl die Marke VW, bislang Herzstück des Autobauers, als auch die in der Einheit „Komponenten“ zusammengefassten Werke zur Teilefertigung sollten aus dem aktuellen Konzernverbund herausgelöst und in eigene Gesellschaften eingebracht werden. Das Vorhaben wurde allerdings auf besagter Aufsichtsratssitzung im Juli erst einmal abgelehnt. Die Abspaltung und Neuorganisation der Marke VW und der Teilewerke stößt bei den Arbeitnehmern auf Widerstand. Sie fürchten einen Angriff auf die ausgeprägte Mitbestimmung.
Alternativvorschläge zu Verbesserung der Lage bei Volkswagen bleiben bislang eher vage. Ein Zukunftsprogramm könne nicht allein aus Personalabbau, niedrigeren Arbeitskosten und infrage gestellten Standorten bestehen, sagte Betriebsratschefin Cavallo am Montag. Die Arbeitnehmerseite erwarte eine „Vorwärtsstrategie“.
Niedersachsens Ministerpräsident Lies forderte, gemeinsam Perspektiven für die Standorte zu entwickeln. „Hier geht es um ein bisschen mehr als nur um die Frage einer Rendite, eines Cashflows oder einer Dividende“, sagte er. Die Sorgen der Beschäftigten und die Bedeutung der Werke für ganze Regionen müssten berücksichtigt werden.
Lies sprach sich auch dafür aus, Wachstumspotenziale vor allem im E-Mobilitätsmarkt zu nutzen. Zudem könne man Synergien zwischen den unterschiedlichen Marken des Konzerns verbessern. Man müsse sich fragen: „Haben wir vielleicht eine zu große Variabilität von verschiedenen Fahrzeugen, von Ausstattung?“ Eine Möglichkeit sei auch die Produktion für die Rüstung, um phasenweise die Auslastung von Werken sicherzustellen.
Hannovers Betriebsratschef Stavros Christidis brachte als Perspektive für das Werk die Rückkehr des klassischen Transporters ins Spiel. Dafür müsste die Kooperation mit Ford in diesem Segment beendet werden. Der derzeitige VW-Transporter wird gemeinsam mit Ford entwickelt und in der Türkei produziert.
Doch auch Arbeitnehmer sowie das Land Niedersachsen haben offenbar konkrete Pläne erarbeitet. Insidern zufolge wollen beide zur Aufsichtsratssitzung des Dax-Konzerns am 4. September jeweils eigene Konzepte vorschlagen.
Es gebe drei Beschlussvorlagen, sagten drei mit dem Vorgang Vertraute der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Neben der des Konzernvorstandes gebe es einen Vorschlag vom Großaktionär Niedersachsen und einen von der Arbeitnehmerbank. Ein Sprecher des Aufsichtsrats, der Betriebsrat und das Land Niedersachsen lehnten einen Kommentar ab.