Verstorbener Milliardär : Was Unternehmer von der Generation Kühne lernen können
Der Tod des zweitreichsten Deutschen wirft die Frage auf, was Unternehmertum ausmacht. Und wer diese Werte in Zukunft fortführt.
Die Nachricht vom Tod des Unternehmers Klaus-Michael Kühne hat zu Beginn der Woche hohe Wellen geschlagen. In der Wahrnehmung vieler Menschen war der Logistikunternehmer präsent, obwohl sie mit seinen Dienstleistungen nie direkt in Kontakt gekommen sind.
Doch vor allem sein Engagement für seine Geburtsstadt Hamburg verschaffte ihm viel Öffentlichkeit. Ihr sagte er mehr als 300 Millionen Euro für den Bau einer neuen Oper zu, deren Fertigstellung er nun nicht mehr erleben wird. Legendär seine Liebe zum größten Fußballverein der Stadt, dem Hamburger SV, die regelmäßig seine eiserne kaufmännische Disziplin aushebelte. Nicht nur die Hansestadt trauert nun um eine große Persönlichkeit.
Mit dem Tod des zweitreichsten Deutschen, dessen Vermögen auf mehr als 40 Milliarden Euro taxiert wird, verliert das Land eine weitere Figur aus jener Generation von Unternehmern, die Deutschland und dessen Wirtschaft im vergangenen Jahrhundert mit ihrem Führungsstil geprägt und groß gemacht haben: Wenn es sein musste, penetrant und knallhart in der Sache, aber oft milde mit den Menschen und als Stifter bemüht, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Bemüht, im Sinne des Grundgesetzes der Verantwortung des Eigentums gerecht zu werden. Stirbt diese Gattung aus?
Diskreter Luxus, aber nie offen zur Schau gestellte Verschwendung
Unternehmer wie Klaus-Michael Kühne sind ohne Frage eine besondere Spezies. Wagemutige Geschäftsleute auf der einen Seite, die andererseits trotz immensen Reichtums mitunter einen sparsamen, manchmal gar knickrigen Umgang mit den eigenen Ressourcen pflegen, frei nach dem Motto von Dagobert Duck: „Wer den Kreuzer nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Diskreter Luxus ja, offen zur Schau gestellte Verschwendung niemals. Verblüffend ehrlich Kühnes einstige Abrechnung mit sich selbst in der F.A.Z., als er einräumte, ausgerechnet dem österreichischen Blender René Benko auf den Leim gegangen zu sein. Er habe sich von diesem um den Finger wickeln lassen, kommentierte der Kopfmensch Kühne seinen 500 Millionen Euro teuren Fehler.
Einen hohen Preis haben ohnehin alle gezahlt, die wie Kühne ein milliardenschweres Imperium aufgebaut haben. Heinz Hermann Thiele, der Münchner Milliardär, verarbeitete diesen Umstand in den Jahren vor seinem Tod im Alter von fast 80 Jahren 2021 in seiner persönlichen Bilanz. Der Jurist hatte mit unternehmerischem Mut den Fahrzeugspezialisten Knorr-Bremse der Eigentümerfamilie abgekauft, an die Börse gebracht und zu einem Weltmarktführer geformt. Bis zu seinem Tod blieb er Mehrheitsaktionär, ebenso wie an dem Bahnzulieferer Vossloh AG. Die Verantwortung für die eigenen Unternehmungen lässt echte Unternehmer niemals los. Sie dominiert das Privatleben, oftmals sind die Grenzen fließend.
Die Verantwortung dauert ein Leben lang
Es ist unfair, wenn angestellten Managern ein solches Verantwortungsgefühl per se abgesprochen wird. Auch wer im Hamsterrad der vierteljährlichen Bilanzabrechnung mit den Anlegern bestehen muss, kann neben eigenen Erfolgsboni auch das Wohl und Wehe von Mitarbeitern und Umfeld im Fokus haben. Doch ist es eben eine auf Zeit verliehene Verantwortung. Ein guter Unternehmer trägt sie ein Leben lang.
Schwarz, Plattner, Würth – noch gibt es in Deutschland zahlreiche Persönlichkeiten, deren Namen untrennbar mit vom Wohlstand und Wachstum geprägten Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte verbunden sind. Musk, Zuckerberg, Bezos – heutige Erfolgsgeschichten von Gründern, die Weltkonzerne geschaffen haben und zu den reichsten Männern des Planeten geworden sind, werden vor allem in den USA geschrieben. Diese Namen stehen zudem auch für die Schattenseiten unternehmerischen Handelns zulasten der Gesellschaft.
Es gibt es keinen zwingenden Grund, dass Deutschland dauerhaft als Zuschauer am Rand stehen muss beim Gründerboom im Technologiezeitalter. Man kann die verantwortungsvollen Hoffnungsträger auch hierzulande finden. Menschen, die bereit sind, für ihre Ideen enorm viel zu geben: Neobanken wie Trade Republic aus Berlin führen ganze Generationen an eigenverantwortliche Finanzvorsorge heran, der schwäbische Roboterhersteller Neura marschiert auf einen Börsengang zu, und sein Gründerchef will der größte Steuerzahler des Kontinents werden, im Verteidigungsbereich tummeln sich gleich mehrere Start-ups mit Milliardenbewertungen, deren Gründer von Patriotismus und Heimatschutz getrieben sind. Und es gibt viele weitere Beispiele.
Hier wächst unter den spezifischen Bedingungen ihrer Zeit eine neue Unternehmergeneration heran, die Politik und Gesellschaft vor allem machen lassen müssen. Dann kann sie das Erbe der Generation Kühne weiterführen.