Bevorstehender US-Zinsentscheid Macht der neue Fed-Chef heute einen Fehler?
An den Finanzmärkten ist eine bemerkenswerte Konstellation zu beobachten: Am heutigen Mittwoch steht in den USA die nächste Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed an, und die meisten Experten erwarten, dass der neue Fed-Chef Kevin Warsh (56) die Spanne für den Leitzins (aktuell 3,50 bis 3,75 Prozent) erneut nicht antasten wird. Viele Investoren am Kapitalmarkt scheinen aber anderer Ansicht zu sein: Sie erwarten in Teilen offenbar, dass die Fed ihre Zinsen anheben wird.
Erkennen lässt sich das zum einen an der Entwicklung der US-Anleiherenditen. Die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen ist in den vergangenen Monaten bereits merklich angestiegen. Sie gilt als Indikator für die am Markt erwartete Zinspolitik und lief dem Leitzins der Fed in der Vergangenheit oft voraus (siehe Grafik). Zugleich implizierten die Futures-Märkte zuletzt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte an diesem Mittwoch bei 35 bis 40 Prozent liegt.
„Das ist Unsinn“, schreibt der US-Ökonom Robin J. Brooks in einer aktuellen Einschätzung über diese Erwartung höherer Zinsen. Brooks gehört zu jenen, die eine Zinsanhebung für falsch halten. Seine Begründung: Die Kerninflation in den USA habe sich im Juni „äußerst verhalten“ entwickelt, es gebe also keine Überhitzung. Wenn überhaupt, so Brooks, bestehe die Gefahr einer Deflation, nicht einer Inflation. Schließlich verdränge die künstliche Intelligenz im Dienstleistungssektor zahlreiche Arbeitsplätze.
Das Gegenargument: Die Notenbank achtet besonders auf ein breites Inflationsmaß, das auf den Konsum der Amerikaner zugeschnitten ist – den sogenannten PCE-Index. Sie strebt dafür einen Wert von 2,0 Prozent an. Doch im Mai schnellte der Index infolge des vom Irankrieg ausgelösten Energiepreisschocks auf 4,1 Prozent von 3,8 Prozent im April in die Höhe. Das könnte der Anlass für die Investorenerwartung steigender Leitzinsen sein. Schließlich hat sich Fed-Chef Warsh in den vergangenen Wochen als entschiedener Bekämpfer der Inflation positioniert, als sogenannter Falke also.
Diskussionen innerhalb der Fed
In der Fed ist bereits eine Diskussion über höhere Zinsen in Gang gekommen. Hintergrund sind auch die steigenden Preise für Rohöl und dessen Verarbeitung, die an der Zapfsäule für die Amerikaner spürbar werden. Die Chefin der regionalen Notenbank von Dallas, Lorie Logan, sprach sich bereits öffentlich für eine Zinserhöhung aus. Und auch Direktoriumsmitglied Christopher Waller brachte eine Anhebung ins Spiel: Die Fed müsse die Zinsen möglicherweise bald nach oben setzen, sollte die Inflation weiter deutlich über dem Ziel von 2,0 Prozent verharren.
„Nach mehreren überraschend hohen PCE-Inflationswerten scheint innerhalb der Fed die Sorge zu wachsen, dass die erhöhte Inflation länger anhalten könnte als bislang angenommen“, glaubt Tiffany Wilding, Ökonomin beim Vermögensverwalter Pimco.
Beim herkömmlichen Verbraucherpreisindex, dem sogenannten CPI, ist die Teuerungsrate zwar zuletzt auf 3,5 Prozent zurückgegangen. Doch auch sie ist damit noch immer stark erhöht. „Während die US-Inflationsdaten für Juni noch das Bild einer sinkenden Teuerung zeichnen, holt die geopolitische Realität die Märkte im Eiltempo ein“, meint daher Ökonom Stephan Bales von der staatlichen Förderbank KfW. Durch den erneut eskalierenden Konflikt im Nahen Osten kehre der Preisdruck über die Ölmärkte zurück.
Trotz allem scheint eine Zinserhöhung vonseiten der Fed erst im September wahrscheinlicher. Auf kurze Sicht dürfte die US-Notenbank den Leitzins konstant belassen, sagt etwa KfW-Ökonom Bales. „Sollten sich der Konflikt und die hohen Energiepreise jedoch verfestigen, machen die jüngsten Sitzungsprotokolle der Fed unmissverständlich klar, dass die Währungshüter keine Scheu vor Zinserhöhungen haben.“
Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner verweist darauf, dass sich mit dem merklichen Anstieg der Ölpreise die Gefahr von sogenannten Zweitrundeneffekten erhöhe. Damit ist ein Hochschaukeln von Preisen und Löhnen gemeint, das die Inflation weiter antreibt. „Noch dürfte die Fed aber hoffen, dass die Entwicklung der Ölpreise nur ein vorübergehender Störeinfluss ist“, sagt Weidensteiner. Die Debatte um eine Zinserhöhung könnte seiner Ansicht nach in den nächsten Monaten allerdings an Schärfe gewinnen. Die Fed werde sich aber erst einmal mehr Klarheit über die Inflationstrends verschaffen wollen, ehe sie ernsthaft eine Zinserhöhung in Erwägung ziehe, so Weidensteiner.
Zinsschritt im September denkbar
Entsprechend hatte sich jüngst auch Fed-Direktoriumsmitglied Lisa Cook geäußert: Sie sei „bereit zu handeln“, sollte die Inflation nicht bald abebben. Doch halte sie es für ratsam, sich noch etwas Zeit zu lassen, um zu beobachten, wie sich die Teuerung entwickelt.
Auch Jörg Held, Head of Portfolio Management bei Ethenea Independent Investors, erwartet, dass die Fed den Leitzins am 29. Juli zum vierten Mal in Folge unverändert lässt. „Die Konjunkturdaten sprechen für Geduld“, sagt er. So habe der jüngste US-Arbeitsmarktbericht für Juni nur noch 57.000 neue Stellen gemeldet. Bei einer Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent habe das Lohnwachstum gegenüber dem Vorjahr bei lediglich 3,5 Prozent gelegen. „Die Überhitzungssorgen vom Frühjahr sind damit verschwunden“, so Held.
Die Sitzung im September „erscheint weiterhin als der plausibelste Zeitpunkt“ für eine Zinserhöhung, meint vor dem Hintergrund auch Kevin Thozet, Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Investmenthaus Carmignac.
Fed-Chef Warsh steckt nun in der Klemme: Zwar lassen ihn die Inflationsdaten und die Entwicklung am Persischen Golf mit steigenden Ölpreisen über höhere Zinsen nachdenken. Zugleich steht die Fed jedoch unter dem Druck aus dem Weißen Haus. US-Präsident Donald Trump (80) wünscht sich seit Langem niedrigere Zinsen und hat schon Warshs Vorgänger Jerome Powell (73) in dieser Richtung erheblich zugesetzt.
Warsh hat zuletzt betont, dass die Fed keine dauerhaft erhöhte Inflation dulden könne. Er will die Notenbank außerdem reformieren und hat dafür Projektgruppen ins Leben gerufen. Eine Taskforce nimmt das Rahmenwerk der Fed zur Inflation unter die Lupe. Warsh ließ Kritik an der Arbeit der Fed unter seinem Vorgänger Powell anklingen, weil der Preisauftrieb in den vergangenen Jahren nicht gestoppt wurde.
Wird die Fed also unter dem neuen Chef schon an diesem Mittwoch den Zins anheben? Ökonom Brooks glaubt nicht, dass Warsh „in diese Falle tappen“ wird. Seiner Ansicht nach würde die Fed mit einer solchen Zinserhöhung die Märkte „in Raserei versetzen“. Diese würden immer mehr Zinserhöhungen einpreisen – und die Notenbank würde womöglich in die Enge getrieben.
Selbst wenn die Zinsen unverändert bleiben, steht Warsh vor einem Balanceakt. Nach der Sitzung muss er der Öffentlichkeit den Kurs der Notenbank erklären. Er hat aber auch schon angekündigt, dass er weniger kommunizieren will als seine Vorgänger und dass er keine Vorabhinweise zu den künftig zu erwartenden Zinsen mehr geben wird. Sorgt er damit für ein wildes Rätselraten, das die Märkte destabilisiert?