Tech Update Die neue KI-Wette von Richard Socher
Bevor die Investoren alle in ihren wohlverdienten Sommerurlaub (gern in good old Europe) abdüsen und das Signal auf der Segeljacht nicht mehr für den Zoom-Call reicht, schließt jeder, der kann, noch schnell seine Finanzierungsrunde ab. Das Ergebnis dieser Summer-Funding-Wave spiegelt sich in den News.
Aber erst mal unsere Topthemen diese Woche:
Die kühne Milliarden-KI-Wette von Richard Socher und Tim Rocktäschel
Warum die Gesundheits-App des Gorillas-Gründers Kağan Sümer scheiterte
Der erbitterte Kampf ums deutsche Glasfasernetz
Exklusive Recherche: Wie deutsche KI-Starforscher eine KI bauen, die sich selbst entwickelt
Es gab viel Geld: Gemeinsam mit sechs weiteren KI-Forschern haben Tim Rocktäschel (l.) und Richard Socher Recursive Superintelligence aufgebaut
Fotos [M]: mm, Recursive Superintelligence, Roger Kisby
650 Millionen Dollar für eine Firma ohne klares Geschäftsmodell, die erst ein paar Wochen alt ist – und das zu einer Bewertung von 4,65 Milliarden Dollar: Die beiden deutschen KI-Forscher Richard Socher (42) und Tim Rocktäschel (39) lassen es mit ihrem neuen KI-Start-up Recursive Superintelligence (RSI) gleich richtig krachen. Ihre Wette ist eine der kühnsten der KI-Branche: Sie wollen eine KI bauen, die die KI-Forschung weitgehend selbst erledigt. Und das Ganze soll schon in zwei Jahren Richtung „Superintelligenz“ skalieren. Mit sechs weiteren Co-Gründern haben sie sich eine schlagkräftige All-Star-Truppe zusammengesucht, die das Machtgefüge der KI-Labs verschieben soll. Ich habe mit Socher und Rocktäschel über ihre Pläne gesprochen und ihre erste große Riesenrunde. Ihre Überzeugung: Wer „zu klein denkt“, überlebt in diesem Rennen nicht. Hier geht es zur ganzen Recherche.
Köpfe: Kağan Sümer ++ Gwynne Shotwell ++ Arya Bolurfrushan ++ Maximilian Block ++ Markus Braun
Erfolgshungrig: Kağan Sümer wollte mit Gorillas den Markt für Lieferdienste erobern
Foto:Richard Pohle / The Times / News Licensing / ddp images
Kağan Sümer (36), baute mit dem Schnelllieferdienst Gorillas einst ein Start-up mit Milliardenbewertung – und musste es schließlich per Notverkauf retten. Jetzt ist sein Comebackversuch offenbar auch schon wieder beendet: App eingestampft, Team weg. Warum seine Gesundheits-App Sugar gescheitert ist und welche neuen Pläne er jetzt verfolgt, das habe ich hier recherchiert .
Gwynne Shotwell (62), Präsidentin und COO von SpaceX, will Aktien im Wert von mehr als 300 Millionen Dollar für US-Kinder spenden. Wer aus der Techbranche noch alles in die „Trump Accounts“ einzahlt, könnt ihr hier nachlesen.
Arya Bolurfrushan, Gründer des KI-Start-ups AppliedAI, ist wegen Insiderhandels zu zwei Jahren Gefängnis und zu einer Rückzahlung von knapp einer Million Dollar verurteilt worden. Anwälte hatten ihn mit Tipps zu M&A-Deals versorgt, an denen ihre Kanzlei gerade arbeitete. Das Urteil erging zwar schon vergangenes Jahr, öffentlich wurde es jedoch erst vor wenigen Tagen. CEO ist Bolurfrushan trotz Verurteilung weiterhin – eine Finanzierungsrunde (55 Millionen Dollar) und Partnerschaften (mit McKinsey und EY) wurden seither auch verkündet.
Maximilian Block (43), einst Gründer des Start-ups Advocado, wollte im vergangenen Jahr eigentlich mit seinem neuen Wagniskapitalfonds namens Valhallion loslegen. Doch noch bevor die Firma richtig gestartet war, hatten Betrüger schon eine Fake-Webseite mit allen Firmendaten gebaut – und versuchten, mit scheinbar lukrativen Festgeldangeboten Opfer zu finden. Wir haben mit Block, der Bafin und Anwälten über die Masche der Firmendiebe gesprochen .
Markus Braun (57), Ex-Wirecard-Chef, klagt über „Einsamkeit und Isolation“. Er sitzt bekanntlich seit Juli 2020 in Untersuchungshaft. In einer Befragung gab er nun Einblicke in seinen Gefängnisalltag. Am schwersten sei es, „komplett aus der Familie herausgerissen“ zu sein, sagte Braun. Von seiner Frau ist er mittlerweile geschieden, aber nicht wegen Entfremdung, sondern aus „anderen Gründen“. Nach dem Ende der Haft möchte der geborene Manager wieder arbeiten.
Round-up: Microsoft ++ Proxima Fusion ++ Lovable ++ QuantumDiamonds ++ Deutsche Telekom
Kreatives Cutten: CEO Asha Sharma hat eine Vision für Xbox
Foto: David Paul Morris / Bloomberg / Getty ImagesMicrosoft streicht Tausende Gamingjobs: Weniger Spieler verbringen weniger Zeit mit Gaming auf der konzerneigenen Xbox-Plattform. Deshalb kürzt Asha Sharma (37), Chefin der Videospielsparte, mindestens 3200 Stellen. Den Optimismus verliert sie dabei nicht: Die Zukunft für Xbox soll laut Sharma dennoch „größer, globaler und kreativer“ sein als zuvor.
Das Fusions-Start-up Proxima Fusion ist weiter auf Erfolgskurs. Die Münchner sammelten 411 Millionen Euro ein. Damit steigt der Wert der Firma, die mit RWE in Bayern das erste Magnetfusionskraftwerk bauen will, auf 2,4 Milliarden Euro.
Vibecoding-Pionier Lovable will ebenfalls erneut eine Runde einsammeln. Einem Bericht des Portals „Sifted“ zufolge befindet sich das schwedische Start-up aktuell in Verhandlungen über 300 Millionen Dollar – zu einer Bewertung von 13,2 Milliarden Dollar. Menlo Ventures könnte die Finanzierung anführen.
Fundingrunde, die Dritte: Die Münchner Firma QuantumDiamonds baut Testgeräte für Computerchips – hier unser Porträt zum Nachlesen – und hat ebenfalls Geld bekommen: 91 Millionen Euro insgesamt. Angeführt hat die Runde der World Fund.
Wer gewinnt den Kampf um das Glasfasernetz? Der Ausbau sollte Deutschland fit für die Digitalisierung machen, neue Anbieter investierten Milliarden. Nun geht vielen die Puste aus, denn die Kunden ziehen nicht mit. Am Ende könnte der Gewinner der Ex-Monopolist sein: die Deutsche Telekom. Mehr dazu von meinem Kollegen Henning Hinze.
Error 404 – das hat noch gefehlt: Earnings vor dem Training
Wollen (bald) an die Börse: OpenAI-CEO Sam Altman und Anthropic-Chef Dario Amodei
Foto: Jason Redmond; Ludovic Marin / AFPDie Analyseseite SemiAnalysis hat in einem aktuellen Report einen neuen Kunstbegriff für die großen AI-Labs eingeführt, der mir sehr gut gefällt: EBTIT. Ist kein Tippfehler, sondern steht für „Earnings Before Training, Interest and Taxes“. SemiAnalysis nutzt ihn als Denkmodell, um eine Frage zu beantworten, die klassische Kennzahlen nur bedingt treffen: Wie viel „Ertragskraft“ bleibt eigentlich übrig, wenn man die laufende Produkt-/Inference-Wirtschaftlichkeit betrachtet – aber die nächste, teure Trainingsrunde gedanklich außen vor lässt? Vielleicht wäre das ja was für die Pre-IPO-Unterlagen von OpenAI und Anthropic.
Nun wünschen wir euch einen schönen Freitag, denn das war es schon wieder mit dem aktuellen „Tech Update“. Leitet den Newsletter gern an andere Interessierte weiter. Abonnieren könnt ihr uns hier, damit ihr auch in Zukunft keine Ausgabe verpasst.
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