Neues Flusskraftwerk in Dresden : „Das merkt nicht mal ein Frosch“
Die Wirtschaft braucht viel Wasser. Nicht nur in warmen Sommern kann das zum Problem werden. Nun baut Dresden ein neues Flusswasserwerk – und das ist einzigartig. Warum? Das erklärt der Vorstandschef der Sachsen Energie AG.
Weil wir hier mit der Chipbranche eine Industrie weiter nach vorn bringen wollen, die sehr, sehr viel Wasser nutzt.
Derzeit gut ein Viertel von dem, was die Bevölkerung der Stadt Dresden benötigt. In Richtung 2030, wenn auch ESMC in vollem Betrieb ist, werden wir im industriellen Bereich fast so viel Wasser nutzen, wie die gesamte Dresdner Bevölkerung verbraucht.
… richtig. Der Verbrauch ist nur ein Bruchteil der Nutzung.
Ja, teilweise stimmt das noch. Wir arbeiten aber an einer entkoppelten Wasserversorgung.
Grob gesagt, trennen wir Trink- und Industriewasser. Dafür haben wir in den vergangenen zwei bis drei Jahren unterhalb des Standorts eines alten Wasserwerks an der Elbe schon neue Anlagen errichtet und Steigleitungen zu den großen Chipfabriken gelegt.
Ja. Das ist der zentrale Baustein unseres künftigen Dargebots. Wir erweitern das System um ein Flusswasserwerk. Die Gesamtkosten der Industriewasserinfrastruktur inklusive der Transportleistungen belaufen sich nach aktuellem Stand auf mehr als 300 Millionen Euro. Kosten, die übrigens verursachergerecht umgelegt werden und die Dresdner Bürger nicht belasten. Das ist viel Geld, aber es ist eine Investition in die Zukunft. 2030 soll es den Betrieb aufnehmen und eine Kapazität von bis zu 67.000 Kubikmeter Wasser am Tag haben.
Wenn man in Betracht zieht, dass die Stadt Dresden einen Wasserverbrauch von durchschnittlich rund 100.000 am Tag hat, kann man schon sagen, dass das viel ist.
Wir verbinden das Neue mit dem Bestehenden. Anders geht es gar nicht. So liegt das neue Wasserwerk gleich neben der Stadtentwässerung.
Sicher. Erst entnehmen wir Wasser der Elbe und bereiten es dann so weit auf, dass es der Industrie zugeführt werden kann. Wenn die ihre Arbeiten damit getan haben, wird das genutzte Wasser schließlich über die Stadtentwässerung zu 80 bis 90 Prozent zurück in die Elbe geführt. Das ist ein fast geschlossener Kreislauf.
Im Wasserwerk wird nicht nur gefiltert. Da passiert schon noch einiges mehr. Um es aber kurz zu machen: Ja, das ist eine große Aufbereitungsanlage.
Wir bauen ein komplett neues, separates Leitungssystem zum Transport des Industriewassers zu den Chipfabriken im Dresdner Norden. Im Einzelnen besteht das System aus einer westlichen Leitung und einer östlichen Leitung, die im Norden durch eine Querspange verbunden sind. Alles in allem sind das mit dem schon bestehenden Leitungssystem fast 40 Kilometer an Transportleitungen mit ordentlichen Rohren, die Querschnitte von 600 oder 800 Millimeter haben.
Das von den Chipherstellern genutzte Wasser wird nicht verbraucht, sondern nach der Nutzung in der Kläranlage der Stadtentwässerung gereinigt und anschließend wieder in die Elbe eingeleitet. Die Wasserqualität bei der Rückführung erfüllt dabei hohe Anforderungen und ist teilweise sogar besser als zu dem Zeitpunkt, an dem das Wasser entnommen wurde.
Weil es gereinigt wird, bevor es wieder in den Fluss kommt.
Ja. Die Chipindustrie braucht viel Wasser, aber sie arbeitet damit auch sehr effizient und schonend. Entscheidend ist, dass dieses Wasser nicht einfach verbraucht wird. Es wird genutzt, gereinigt und anschließend wieder in den Wasserkreislauf zurückgeführt.
Ja. Wir liefern bereits Wasser in sehr hoher Qualität als Vorprodukt. Für die hochsensiblen Produktionsschritte in der Halbleiterfertigung wird dieses Wasser nochmals aufbereitet und an die jeweiligen Anforderungen angepasst.
Das kann ich Ihnen sagen: Die Elbe hat heute Niedrigwasser. Das heißt, wir haben derzeit einen Pegelstand von 51 Zentimeter und 84 Kubikmeter Wasser je Sekunde. Das entspricht 7,2 Millionen Kubikmeter am Tag, wohlgemerkt bei Niedrigwasser. Wenn wir bei Vollentnahme das neue Flusswasserwerk ab 2030 in Betrieb haben, würde es bei einem Niedrigwasser wie heute netto rund 0,2 Prozent des Wasserbestands der Elbe entnehmen.
Für die Elbe ist das geradezu homöopathisch. Das merkt nicht mal ein Frosch. Bei Normalwasser nutzen wir allenfalls Mengen im Promillebereich. Denn wir entnehmen Wasser, bereiten es auf und führen es nach getaner Arbeit über die Kläranlage der Stadtentwässerung Dresden gereinigt wieder zurück.
Ja, das hat nicht viel mit der Qualität zu tun. Das Industriewasser entspricht den Anforderungen der Industriekunden und ist damit nicht notgedrungen von minderer Qualität.
Nein. Das ist qualitativ schon richtig gut. Trinkwasser aber unterliegt dem Lebensmittelrecht. Wenn man ein neues Trinkwasserdargebot in Deutschland auftun will, haben Sie circa zehn Jahre zu tun, um die verlangten Nachweise zu erbringen, dass Sie immer und unter allen Umständen ihr Trinkwasser in absoluter Lebensmittelgüte liefern können. Das ist ein sehr aufwendiger Nachweisprozess.
Auch bei Industriewasser muss man viele vereinbarte Spezifikationen einhalten, und die sind qualitativ schon hochwertig. Da schauen die Kunden sehr genau drauf. So sind die technischen Anlagen für Industriewasser sehr teuer. Bei einem Flusswasserwerk sprechen wir von einer Investition im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Der entscheidende Unterschied zum Trinkwasser liegt aber in der Regulierung. Beim Trinkwasser steht die Daseinsvorsorge der Bevölkerung im Fokus. Deshalb sind die Anforderungen an Nachweise und Hygiene deutlich umfassender als bei industrieller Nutzung.
… genau, und für das Tempo, das man mit einem Projekt wie dem unseren anschlagen kann.
Ja. Dieser Baustein ist entscheidend dafür gewesen, dass die Chipindustrie in den vergangenen Jahren so massiv in Dresden investiert hat. Und das soll auch so bleiben. Daher ist das, was wir hier mit dem neuen Flusswasserwerk machen, auch in Deutschland nicht so verbreitet.
Der erforderliche Infrastrukturausbau wird bei der Förderung industrieller Großvorhaben häufig vergessen. Wir sind hier in Dresden bereit, zu investieren und ein separates Versorgungssystem für die Industrie zu errichten. Dabei entnehmen wir direkt Wasser aus der Elbe.
Die Schwerpunkte der Wassergewinnung in Dresden sind erstens die Talsperren, zweitens das Uferfiltrat. Dann haben wir drittens noch das Grundwasser. Und nun kommt viertens die direkte Entnahme von Flusswasser dazu. Das ist meines Wissens in dieser Form und Größe heute einzigartig in Deutschland.
Ich kenne nur zwei ähnliche Projekte für die direkte Entnahme von Wasser aus natürlichen Oberflächengewässern. Eins bei Rostock. Und eines am Bodensee. Das war’s.
Ähnliche Vorhaben rund um industrielle Wasserkreisläufe waren früher in Deutschland weit verbreitet. Aber das war in der Ära der Stahlbarone und zu den großen Zeiten des Ruhrgebiets. Die alte große Schwerindustrie pflegte solche Kreisläufe geradezu.
In gewissem Maße. Nun kommen sie mit der Chipindustrie wieder hoch.
Die Chipindustrie ist nun keine Schwer-, aber eine sogenannte Cluster-Industrie. Das heißt, sie hat aufgrund ihrer Kapitalintensität die Tendenz, sich an wenigen Standorten zu konzentrieren. Wenn diese Standorte dann eine leistungsfähige Infrastruktur haben, können sie neue Investitionen leichter anziehen.
Die Ideen liegen schon länger zurück. 2024 waren wir dann in Vietnam und haben uns angesehen, wie das Flusswasser in Hanoi und Saigon zu Trinkwasser aufbereitet wird. Das ist schwierig, aber keine Raketenwissenschaft. Deutsche Firmen spielen da technisch ganz vorn mit. Bislang machen sie das vor allem im Ausland. Wir holen mit unserem Flusswasserwerk quasi die eigenen Kompetenzen wieder ein Stück zurück.
Das kann man wohl sagen. Wir hatten da einige hohe bürokratische Hürden zu überspringen. Man glaubt gar nicht, was es an Verwaltungswertschöpfung in Deutschland alles gibt.
Abstimmungen mit zahlreichen Behörden – neben den Umweltschutzthemen, insbesondere zu Arten- und Gewässerschutz, ist beispielsweise auch der Verkehr auf der Elbe zu berücksichtigen. Vom Ruderer bis zum Frachter. Flora und Fauna, vom Fisch bis zur Zauneidechse, sind zu beachten, Strömungsnachweise müssen erbracht werden, Abflusssimulationen erstellt werden, Fachgutachten vorgelegt werden. Was meinen Sie, was wir da alles in Bewegung setzen mussten. Haben wir alles gemacht. Natürlich monitoren wir die Arten in dem Gebiet, in dem das Flusswasserwerk gebaut wird. Das ist ein steiler Ritt durch die Bürokratie. Und das alles für eine Wassernutzung von 0,2 Prozent – bei Niedrigwasser, wohlgemerkt. Aber es hat dem Ziel gedient.
Ja, das sind wir. Bei den Leitungen sind wir zur Hälfte durch. Der Bau des Flusswasserwerks, sozusagen die Aufbereitungsanlage und das Elbe-Entnahmebauwerk, wo das Wasser den Anlagen zugeführt wird, beginnt kommendes Jahr. Wir haben hier in Sachsen und Dresden eine Verwaltung, die da voll mitzieht, die keine Steine in den Weg rollt.
Die Taiwaner bei ESMC scheinen nicht unzufrieden beim Bau der neuen großen Fabrik zu sein. Und das ist schon mal ein sehr gutes Zeichen.
Hoffen kann man immer. Aber man muss auch ins Machen kommen. Und das tun wir hier in Dresden.
Zum Standort
Dresden ist das größte Halbleiter-Cluster Europas. Hier stehen die Fabriken von Branchenriesen wie Infineon, Bosch oder Globalfoundries. Um sie herum haben sich Hunderte Zulieferer angesiedelt. Die Branche zählt vor Ort mehr als 80.000 Mitarbeiter. Derzeit wird im Norden der Stadt das neue zehn Milliarden Euro teure ESMC-Halbleiterwerk von einem Konsortium um Taiwans Branchenprimus TSMC errichtet.