Merz-Aussagen : Start-up-Paradies Deutschland?

Die deutsche Start-up-Branche entwickelt sich schnell, aber nicht schnell genug. Es braucht mehr Mut – nicht nur in der Politik.

Der Bundeskanzler ließ in den vergangenen Wochen kaum eine Gelegenheit aus, deutsche Start-ups aus der schwierigen wirtschaftlichen Gesamtlage hervorzuheben. Gleich zweimal führte Friedrich Merz (CDU) die stark gestiegenen Start-up-Gründungszahlen als Beleg gegen das „Schlechtreden“ des deutschen Standorts ins Feld, in seiner Regierungserklärung und dem ZDF-Sommerinterview. Und während seiner Sommer-Pressekonferenz erklärte Merz, junge Unternehmen könnten morgen die „Champions“ sein, die auch für Beschäftigung und Wohlstand in Deutschland sorgten.

Deutschland profitiert nach einem jahrelangen Software-Fokus der Investoren dabei auch vom internationalen Technologietrend zurück zu mehr Hardware: Quantencomputer, Kernfusion, Drohnen und Raketen – all das zahlt deutlich mehr auf Deutschlands industrielle Stärken ein als Onlinehandel und Suchmaschinen. Und um die Hochschulen in München, Aachen, Dresden oder Darmstadt sind hochinnovative Start-up-Ökosysteme gewachsen, die starke Grundlagenforschung immer öfter auch in unternehmerischen Erfolg überführen.

Schnell, aber nicht schnell genug

Das alles ist isoliert betrachtet ein großer Erfolg. Und doch bewegen Deutschland und Europa sich in der rasanten Technologiewelt nicht schnell genug. Nach zum Teil schwierigen Post-Corona-Jahren haben sich die Investitionen in Jungunternehmen stabilisiert. Start-ups aus Deutschland erhielten 2025 den Unternehmensberatern von EY zufolge im ersten Halbjahr knapp 5,3 Milliarden Euro von Investoren, 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Aber: Allein Open AI hat vor wenigen Monaten 122 Milliarden Dollar von Investoren eingesammelt. Um im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung das Wachstumsinvestitionsvolumen der Vereinigten Staaten zu erreichen, fehlen nach Berechnungen deutscher Wagniskapitalinvestoren jährlich knapp 30 Milliarden Euro.

Ein anderes Beispiel: Für 2026 rechnet der Digitalverband Bitkom damit, dass die IT-Branche Umsätze über 170 Milliarden Euro erzielt – ein Plus von 5,4 Prozent. Das wäre deutlich mehr, als die stagnierende deutsche Gesamtwirtschaft sich erhoffen kann. Die Analysten von Gartner prognostizieren aber einen Anstieg der weltweiten IT-Ausgaben um 14,2 Prozent auf 6,37 Billionen Dollar. Die deutsche Branche partizipiert im internationalen Vergleich also nur unterdurchschnittlich vom Hochlauf der Künstlichen Intelligenz. Der Gesamtwert des europäischen Tech-Ökosystems wird auf gut vier Billionen Dollar geschätzt und hat sich seit 2016 mehr als verfünffacht. Das ist trotzdem weniger, als der US-Chipkonzern Nvidia an der Börse wert ist.

Es braucht mehr Mut

Den Europäern fehlen weniger gute Ideen als die Ambition und vor allem das Kapital, aus erfolgreichen Start-ups auch Tech-Schwergewichte zu machen, die volkswirtschaftlich tatsächlich einen Unterschied machen. Wenn sich daran etwas ändern soll, brauchen alle Beteiligten mehr Mut. Es braucht Gründer, die sich nicht mit nationalem Erfolg zufriedengeben. Investoren, die nicht bei der erstbesten Möglichkeit verkaufen, weil ihnen der sprichwörtliche Spatz in der Bilanz lieber ist als die Taube auf dem Dach.

Institutionelle Kapitalsammelstellen, die mehr Geld in Innovationen in Form eines diversifizierten Wagniskapitalportfolios anlegen und sich nicht hinter vermeintlichen regulatorischen Hindernissen verstecken. Etablierte Unternehmen, die viel stärker als bisher bereit sind, Start-ups im Einkauf eine Chance zu geben oder auch mal strategische Übernahmen von Start-ups zu wagen, die wieder Geld ins Ökosystem spülen.

Natürlich kann auch die Politik ihren Beitrag leisten: um die Visavergabe für dringend benötigte IT-Fachkräfte zu beschleunigen, die Bürokratie für Investoren und Gründer zu reduzieren, die europäische Kapitalmarktunion und die Harmonisierung des Binnenmarktes voranzutreiben. Die neue Start-up-Strategie der Bundesregierung blinkt hier in die richtige Richtung, muss sich aber an konkreten Entscheidungen messen lassen.