Indische Gründerinnen : „Erben ist das Privileg von Männern“
Indien will zu einer der größten Industrienationen aufsteigen. Doch in der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der Welt gelten Frauen oft noch als Menschen zweiter Klasse. Zwei Inderinnen kämpfen dagegen an.
Es blinkt, brummt und knattert. Autos und Motorroller suchen ihren Weg durch das Verkehrschaos auf der Kempe Gowda Road im Zentrum von Bengaluru. Der Duft von indischen Gewürzen trifft auf den Smog des Verkehrs. Mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern ist die Metropole bekannt für ihre Technologie- und IT-Szene. Im „Silicon Valley Indiens“ stehen Hochhäuser mit Glasfassaden oft nicht weit entfernt von jahrhundertealten Hindu-Tempeln. Tradition und Moderne prallen hier direkt aufeinander.
Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (FKCCI) des Bundesstaates Karnataka sieht hingegen von außen recht gewöhnlich aus. Aber der Schein trügt. Die Sensation befindet sich im Innern. Genauer gesagt im Büro von Uma Reddy, der ersten Frau an der Spitze der etwa 110 Jahre alten Institution. Frauen auf der ganzen Welt müssen immer noch für Gleichberechtigung kämpfen. In Indien haben sie es besonders schwer.
Der Alltag von vielen Frauen gleicht noch immer einem unerbittlichen Kampf um Anerkennung, obwohl die Geschlechter laut der Verfassung von 1949 offiziell gleichgestellt sind. Alle 71 Sekunden waren im Jahr 2024 Frauen Opfer von Gewalt. Knapp alle 18 Minuten fand eine Vergewaltigung einer Frau statt, zeigt die Statistik des National Crime Records Bureau (NCRB). Allerdings verzichten viele Betroffene auf eine Anzeige – aus Angst vor Stigmatisierung, mangelndem Vertrauen in die Polizei oder gesellschaftlichem Druck.
Töchter gelten oft noch immer als finanzielle Last
„Frauen müssen in Indien einen besonders weiten Weg bis zur Gleichberechtigung gehen“, sagt Reddy, die im ganzen Land als großes Vorbild indischer Unternehmerinnen gilt. Vor allem im ländlichen Raum erscheinen Töchter immer noch als finanzielle Last. Infolge der nach wie vor weitverbreiteten arrangierten Ehen verlassen Töchter oft das Haus.
Manche Eltern leisten gegenüber der Familie des Ehemanns eine Mitgift in Form von Autos, Immobilien oder Geld – obwohl das inzwischen verboten ist. Söhne hingegen bleiben traditionell zu Hause und kümmern sich im Alter um Vater und Mutter. Dass sich Eltern während der Schwangerschaft allein wegen des Geschlechts für eine Abtreibung entscheiden, kommt auch heute in einigen Gegenden Indiens weiterhin vor.
Dementsprechend ist finanzielle Unabhängigkeit für die allermeisten Frauen ein weit entfernter Traum. Nur rund ein Drittel arbeitet laut der Weltbank in einem offiziellen Arbeitsverhältnis. Der indischen Finanzdatenfirma Tracxn zufolge haben Männer mehr als 92 Prozent der Start-ups ins Leben gerufen. Chefinnen sind bis heute eine Seltenheit, besonders in der Elektrotechnik und der IT. Das ist auch in Deutschland so. Immerhin: In Bengaluru, bis vor einem Jahrzehnt als Bangalore bekannt, gibt es die meisten Gründerinnen.
Reddy: „Frauen besitzen heute wie damals kaum Eigentum und Vermögen“
Angesichts dieser sozialen Umstände gleicht die Karriere von Reddy einem Märchen. 1961 geboren, war der Weg für sie vorgezeichnet: Heiraten, Kinder bekommen und als Hausfrau alt werden. „Meine Mutter hatte erwartet, dass ich vor allem eine gute Ehefrau werde“, sagt sie während des Gesprächs in ihrem Büro. Sie hat einen roten Bindi auf der Stirn, den traditionellen aufgemalten Punkt zwischen den Augenbrauen. Den typisch indischen Sari, Bekleidung für Frauen, trägt sie an diesem Tag in einem zarten Altrosa mit feinen kleinen Rauten.
Doch die Erwartungen ihrer Mutter hat sie zunächst enttäuscht. Sie studierte Elektrotechnik an der Universität Bengaluru. „Im Vorlesungssaal habe ich nur Männer gesehen“, erinnert sie sich. Ihr Talent für das Design von Leiterplatten (PCB) entdeckte sie schon während des Studiums. PCB gelten als die mechanische und elektrische Grundlage von fast allen elektronischen Geräten. Ohne sie kämen kein Computer und kein Smartphone aus. Irgendwann dachte sich Reddy: Warum stelle ich das nicht einfach selbst her? Die Geschäftsidee für ihr heutiges Unternehmen Hitech Magnetics & Electronics war geboren. Die viel schwierigere Frage: Woher soll das Geld für die Unternehmensgründung kommen?
„Frauen besitzen heute wie damals kaum Eigentum und Vermögen“, betont sie. „Erben ist das Privileg von Männern.“ Es sei nahezu unmöglich gewesen, die finanziellen Sicherheiten für einen Bankkredit aufzubringen. Während ihre Mutter Reddy von ihrer Geschäftsidee abbringen wollte, erhielt sie von ihrem Vater ein Stück Land. Mit dieser Sicherheit konnte sie die Bank für den ersten Kredit in Höhe von damals 25.000 indischen Rupien überzeugen.
„Das war der schwierigste Schritt“, erinnert sie sich. So konnte sie ihr Unternehmen im letzten Semester ihres Studiums gründen. Danach versuchte sie, gute Kontakte zu den Finanzberatern zu pflegen, um deren Vertrauen zu gewinnen. Nach der ersten finanziellen Hürde sei es deutlich einfacher gewesen – zumindest hinsichtlich weiterer Kredite.
Fehlendes Vertrauen in den Sachverstand von Frauen
Doch die Herausforderungen waren nicht nur finanzieller Natur. „Es gab praktisch keine weiblichen Vorbilder“, sagt Reddy. „Da war niemand, den ich fragen konnte, wie man ein Unternehmen aufbaut.“ Informationen seien nahezu ausschließlich über Zeitungen und Zeitschriften erhältlich gewesen. Sie bewies Ausdauer und arbeitete sich in die Feinheiten der aufstrebenden Branche ein. Zu dieser Zeit war Indien ein Entwicklungsland, das sich wirtschaftlich nur langsam öffnete.
Nach ihrem Studienabschluss schlug sie ein Angebot für eine Festanstellung in einem Unternehmen aus. Leiterplattenmontage, Kabelkonfektionierung und die Montage von Elektronikgeräten kamen hinzu. Frauen und Technik? Passt das wirklich zusammen? Das dachten sich wohl viele Kunden von Reddy. In Telefongesprächen habe es oft geheißen: „Kann ich bitte mit dem technischen Leiter sprechen?“ Sie betont: „Bis heute fehlt das Vertrauen, dass eine Frau das nötige technische Verständnis mitbringt.“ Zwar habe sich die Situation mittlerweile verbessert, doch eine Frau werde nie nur als Unternehmerin gesehen, sondern immer auch als Mutter und Hausfrau.
Politisches Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit habe sie aber erst allmählich entwickelt. 1990 erhielt sie ihre erste Auszeichnung von der Vereinigung der Unternehmerinnen in ihrem Bundesstaat (Awake). Doch auf diesen Erfolg ruhte sie sich nicht aus. So schwer wie sie sollte es keine Frau mehr haben, nahm sie sich vor. Die damalige Präsidentin habe zu Reddy gesagt: „Du musst dich für Frauen einsetzen, sie brauchen dich.“ Später wird sie selbst Präsidentin von Awake und darf sich über viele weitere Preise und Auszeichnungen freuen – auch auf nationaler Ebene.
In den Neunzigern organisierte sie Konferenzen und Workshops, um Unternehmerinnen gezielt zu fördern. „Mit einem guten Netzwerk steht und fällt eine Geschäftsidee“, sagt sie. „Als ich angefangen habe, hat es keine Unterstützung des Staates gegeben, keine Förderprogramme“, sagt sie. Das habe sich zwar mittlerweile gebessert, doch es gebe noch viel Luft nach oben.
Große Versprechen des Regierungschefs
Sucharita Eashwar sieht das ähnlich. Sie ist Gründerin der Nichtregierungsorganisation (NGO) Catalyst for Women Entrepreneurship (CWE). Während des Gesprächs sitzt sie in einem hippen Szene-Café in Bengaluru. Neben ihr sitzen junge Inderinnen und Inder und tippen auf ihrem Laptop bei einer Tasse Chai. Im Vergleich zu Reddy geht Eashwar härter mit der derzeitigen Regierung in Indien ins Gericht. Der indische Regierungschef könne viel mehr für Frauen tun.
Damit meint sie Narendra Modi, der seit 2014 das Land regiert. Seine Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP), vertritt einen hindu-nationalistischen Kurs. Seine Kritiker werfen ihm vor, Indien zunehmend in ein autokratisches System zu verwandeln, in dem Hindus vor allem gegenüber Muslimen bevorzugt werden. So rutschte Indien seit der Regierung Modis in führenden Demokratie-Ranglisten deutlich nach unten.
Doch wie steht er zur Rolle von Frauen? Nicht nur in öffentlichen Reden macht sich der Regierungschef für sie stark. Seit 2018 hat Indien das Ziel, dass drei Prozent der öffentlichen Beschaffung von frauengeführten Mikro- und Kleinunternehmen stammen sollen. Außerdem soll frühestens von 2029 an ein Drittel der Sitze in den Parlamenten der Bundesstaaten und der ersten Kammer des indischen Parlaments für Frauen vorbehalten sein. Stärkere Frauen seien ein Schlüssel für eine stärkere Demokratie. Darüber hinaus verweist Modi auf Mikrokredit-Programme für Frauen.
Minderheit der Frauen in offiziellen Arbeitsverhältnissen
Eashwar erkennt durchaus die Fortschritte der letzten Jahrzehnte an. Beispielsweise habe sich der Zugang zu Bildung in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert. Doch schon vor Modi sei der Anteil der mindestens 15 Jahre alten Frauen, die erwerbstätig oder arbeitslos sind, gesunken. Zwischen 2014 und 2020 ging die Erwerbsbeteiligungsquote von Frauen laut der Weltbank zurück. Mittlerweile liegt sie mit knapp einem Drittel über dem Wert vor Modis Regierungsübernahme. Aber: Schon nach dem Spitzenwert von 35 Prozent im Jahr 2005 fiel sie deutlich. Zum Vergleich: Der globale Durchschnitt betrug 2025 knapp unter 50 Prozent.
Unabhängig von Modi hinkt Indien in der Gleichberechtigung hinterher. Der Anteil von Frauen in Managementpositionen liegt laut den Vereinten Nationen bei 16 Prozent. Mehr als 40 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren befinden sich weder in Ausbildung noch in einem Beruf oder sind in der Schule, unter Männern ist es nur etwas mehr als jeder Zehnte. Viele Frauen in Indien fühlen sich immer noch wie Bürgerinnen zweiter Klasse. Aus der Sicht von Eashwar sei es nicht nur für Indiens wirtschaftlichen Aufschwung unabdingbar, Frauen zu stärken.
Weil der Staat hinter seinen Möglichkeiten zur Unterstützung von Frauen zurückbleibe, seien Organisationen wie CWE umso wichtiger. Unter anderem nach der Arbeit für einen von Frauen betriebenen Radiosender und Tätigkeiten in der Kommunikationsarbeit entschloss sie sich im Jahr 2017, CWE zu gründen. Damals hieß es ähnlich wie heute aus der Wirtschaft: Geschäft ist Geschäft, wir machen keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Sie ist überzeugt: Das sei Blödsinn.
Ungleiche Bedingungen
Eine Umfrage unter indischen Unternehmerinnen, die unter anderem von der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ unterstützt wurde, zeichnete ein anderes Bild: niedriges Selbstvertrauen hinsichtlich finanzieller Aufgaben, große Angst vor dem Scheitern, Probleme bei der Aufnahme von Krediten und damit verbunden Vorurteile unter Investoren. Ähnlich wie Reddy ist sie davon überzeugt, dass Frauen auch heute noch oft vor allem in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau wahrgenommen werden.
Finanzielle Unabhängigkeit sei die Grundlage zur Emanzipation, betont Eashwar. Wie erstelle ich einen Plan für eine Geschäftsidee? Wie komme ich an Geld? Wer kann mich unterstützen? All diese Fragen versuche CWE durch gezieltes Training und Netzwerke zu beantworten. Diese Angebote will Eashwar nicht nur für Frauen in Großstädten machen, sondern auch auf dem Land, wo die Gleichberechtigung besonders hinterherhinkt.
Um das Netzwerk und die Unterstützung zu verbessern, nimmt sie an zahlreichen internationalen Konferenzen teil, auch in Deutschland. 2017 traf sie in Berlin während einer Podiumsdiskussion auf die damalige Bundeskanzlerin. Angela Merkel habe ihr Mut zugesprochen. Eashwar selbst bewies in der Vergangenheit schon enorme Standhaftigkeit. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und ihre zwei Töchter lange Zeit allein großgezogen. Scheidungen sind besonders im ländlichen Raum sozial weiterhin stark tabuisiert – vor allem dann, wenn sie von Frauen ausgehen.
Schlechte Datenlage
Um alle diese kulturellen und sozialen Hindernisse zu überwinden, seien nicht nur Unterstützungen für Unternehmerinnen notwendig. Es braucht vor allem im ländlichen Raum auch mehr bezahlbare Kinder- und Altenbetreuung, fordert Eashwar. Um politische Veränderungen voranzubringen, sei es jedoch wichtig, überhaupt zu wissen, wie genau es um die Lage von Frauen bestellt ist.
Auch aus Sicht der Vereinten Nationen sind für den Kampf um Gleichberechtigung unter anderem mehr und bessere Daten über Frauen notwendig. Zu Themen wie geschlechtsspezifische Armut, körperliche und sexuelle Belästigung, Zugang von Frauen zu Vermögenswerten (einschließlich Land) mangele es an geeigneter Methodik für eine regelmäßige Überwachung.
Im Büro der Handelskammerpräsidentin Reddy hängt ein Bild von Regierungschef Modi direkt neben einem der aktuellen Staatspräsidentin Draupadi Murmu. Fortschritt und Rückschritt sind in Indien manchmal dicht beieinander. Damit es mit der Verbesserung schneller vorangehe, brauche es nicht nur bessere Daten und mehr Kinderbetreuung, ist Reddy überzeugt. „Wir alle müssen mehr in der Öffentlichkeit über Frauen reden, die Verantwortung übernehmen“, sagt sie. Ohne öffentliche Anerkennung keine Emanzipation. Das gelte für Indien – aber auch für Deutschland. Dafür könne sich jede und jeder einsetzen.