Imax : „Das Publikum beweist uns, dass das Kino nicht tot ist“

Das Filmepos „Die Odyssee“ hat Imax Rekorde beschert. Nun will der Kinospezialist sein Expansionstempo in Deutschland beschleunigen. Und sogar Netflix will manche seiner Filme zuerst in Imax-Kinos zeigen.

Konzerttourismus ist schon seit einiger Zeit ein Phänomen. Fans nehmen oft lange Anreisewege in Kauf, um Superstars wie Taylor Swift oder Harry Styles live zu sehen. Nun gibt es offenbar auch Kinotourismus. Das hat mit dem Filmepos „Die Odyssee“ von Christopher Nolan zu tun, einer der erfolgreichsten Kinoproduktionen des Jahres. Der Film ist auch in großformatigen Imax-Kinos zu sehen, und eine besondere Zugkraft hat er offenbar an den Standorten, die für analoge 70-Millimeter-Projektion ausgerüstet sind. Imax beschreibt dies als „filmischen Goldstandard“, der unter anderem eine erheblich höhere Auflösung, als das reguläre digitale Imax-Format verspricht. Nur 41 der fast 1900 Imax-Kinos auf der Welt verfügen über diese 70-Millimeter-Technologie – und davon ist kein einziges in Deutschland.

Die Städte mit solchen Kinos haben offenbar einen Ansturm von Filmenthusiasten erlebt, seit „Die Odyssee“ Mitte Juli herausgekommen ist. Giovanni Dolci, der als Chief Commercial Officer unter anderem für den internationalen Vertrieb von Imax verantwortlich ist, erzählt im Gespräch mit der F.A.Z. von einer Studie, wonach die Zahl der Zugreservierungen im französischen Montpellier um mehr als 30 Prozent gestiegen sei. Das australische Melbourne habe davon profitiert, der einzige 70-Millimeter-Standort im asiatischen-pazifischen Raum zu sein. Viele Besucher seien eigens aus Ländern wie Japan oder Südkorea angereist, um den Film in diesem Format sehen zu können.

„Die Odyssee“ hat bislang an den Kinokassen auf der ganzen Welt mehr als 1,3 Milliarden Dollar eingespielt, nur der neue „Spider-Man“-Film kam in diesem Jahr auf mehr. Vom Gesamtumsatz entfielen knapp 350 Millionen Dollar oder 26 Prozent auf Imax-Kinos, ein ungewöhnlich hoher Anteil. Sowohl international als auch in Deutschland ist „Die Odyssee“ nach Angaben des Unternehmens der erfolgreichste Imax-Film aller Zeiten.

Dolci beschreibt diese Zahlen als „absoluten Irrsinn“, und er erzählt, er bekomme in diesen Tagen so viele Anrufe wie noch nie von Kinobetreibern, die anfragten, ob sie ihre Säle auf Imax-Format umrüsten könnten. Dies werde auch von immer mehr Kinobesuchern verlangt: „Die sagen: ‚Bringt Imax in meine Stadt, damit ich nicht stundenlang woandershin fahren muss.‘“

„Deutschland ist besonders spannend für uns“

Gerade Deutschland hält Dolci für unterversorgt. Hierzulande gibt es 16 Imax-Kinos – darunter in Leonberg in der Nähe von Stuttgart das mit der größten Imax-Leinwand auf der Welt. Zwar hat das Unternehmen die Zahl seiner Standorte in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren schon in etwa verdoppelt. Aber Dolci sieht noch reichlich Luft nach oben und will das Expansionstempo beschleunigen. Er meint, der Markt habe Potential für vier- bis fünfmal so viele Imax-Kinos wie heute, also bis zu 80 Standorte.

„Deutschland ist besonders spannend für uns, weil wir endlich einen Weg zu wirklich bedeutendem Wachstum sehen können“, sagt Dolci. Die Expansion sei hier lange mühsam gewesen, so wie das auch in vielen anderen Märkten gelte, bis eine kritische Masse erreicht sei. Mit einer begrenzten Zahl von Standorten sei man zum Beispiel für Filmverleiher nicht so wichtig und entsprechend wenig präsent in ihren Marketingaktivitäten. Mittlerweile habe Imax aber einen Punkt erreicht, an dem ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf in Gang kommen könne. „Je relevanter man wird, umso größer wird die Nachfrage.“ Das Unternehmen wolle auch prüfen, ob sich deutsche Standorte umrüsten ließen, damit sie Filme im 70-Millimeter-Format zeigen könnten.

Imax versucht in Deutschland zudem verstärkt, heimische Produktionen auf seine Leinwände zu bringen. Der erste deutsche Film im Imax-Format war im vergangenen Jahr „Das Kanu des Manitu“ von Bully Herbig, als Nächstes soll vom 22. Oktober an „Der perfekte Urlaub“ von Bora Dagtekin in Imax-Kinos zu sehen sein.

„Die Odyssee“ ist für Imax ein Novum. Es ist der erste Film, der vollständig mit Imax-Kameras gedreht wurde. Dies war bislang eine Herausforderung. Imax-Kameras sind nicht leicht zu manövrieren und lauter als gewöhnliche Filmkameras, was es zum Beispiel schwierig macht, sie in gewöhnlichen Dialogszenen einzusetzen. Imax hat deshalb für „Die Odyssee“ mit Nolan eine neue Filmkamera entwickelt, die ein spezielles Gehäuse hat und leiser ist. Der Regisseur arbeitet seit vielen Jahren mit Imax zusammen und hat schon eine Reihe anderer Filme wie „Oppenheimer“ oder „Interstellar“ mit Imax-Kameras gedreht.

Sogar Netflix denkt um

Imax war auch schon vor Nolans neuem Film auf einem guten Weg. Im Jahr 2025 brachten Imax-Kinos einen Rekordumsatz von knapp 1,3 Milliarden Dollar ein. Für dieses Jahr wird mit einem weiteren Anstieg auf 1,4 Milliarden Dollar gerechnet. Die gute Entwicklung schlägt sich auch an der Börse nieder. Der Aktienkurs hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Die Marktkapitalisierung beträgt rund drei Milliarden Dollar. Im Gegensatz zu Imax hat die Kinobranche insgesamt das Niveau vor der Corona-Pandemie noch nicht wieder erreicht. Sie ist allerdings dank Filmen wie „Die Odyssee“ und „Spider-Man“ auf dem Weg, ihr mit Abstand bestes Jahr seit 2019 zu haben.

Inmitten der Pandemie hat sich der Filmkonsum auf Streamingdienste wie Netflix verlagert. Manche Beobachter stuften dies als dauerhaften Wandel ein. Auch als die Kinos wieder offen waren, wurden viele Filme direkt auf Streamingplattformen veröffentlicht. Das hat sich aber wieder geändert, und Dolci kann sich vorstellen, dass die Kinoumsätze auch insgesamt wieder an die Zeit vor der Pandemie anknüpfen können: „Das Publikum beweist uns, dass das Kino nicht tot ist.“ Auch Streaminganbieter hätten mittlerweile festgestellt, dass es Filmen auf ihren Plattformen helfe, wenn sie zuvor im Kino gelaufen seien. Dadurch bekomme die Veröffentlichung eines Films einen größeren Ereignischarakter. Und gerade Imax sei darauf spezialisiert, Kino zu einem Ereignis zu machen. „Das ist etwas ganz anderes, als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen“, sagt Dolci.

Sogar Netflix denkt um und sucht verstärkt die Nähe zu Imax. Der Streamingpionier will seinen Film „The Adventures of Cliff Booth“ mit Brad Pitt im November zunächst exklusiv zwei Wochen lang in Imax-Kinos laufen lassen und ihn erst kurz vor Weihnachten für seine Abonnenten verfügbar machen. Ein mit Spannung erwarteter neuer Teil der Fantasy-Reihe „Die Chroniken von Narnia“ soll vom kommenden Februar an zunächst sieben Wochen exklusiv in Kinos laufen, bevor er auf Netflix abrufbar ist, was den traditionellen Gepflogenheiten in der Filmindustrie recht nahekommt. Vor dem breiten Kinostart soll Imax den „Narnia“-Film zwei Tage lang exklusiv zeigen dürfen.

Netflix hat sich vor einigen Monaten auch um die Übernahme des Unterhaltungskonzerns Warner Bros. Discovery bemüht und dabei versprochen, Warner-Filme erst einmal für längere Zeit in Kinos laufen zu lassen. Das Unternehmen hat aber den Bieterkampf verloren, und Warner hat den Verkauf an den Wettbewerber Paramount Skydance vereinbart. Die Transaktion hat noch kartellrechtliche Hürden zu überwinden. Dolci sagt, er wäre mit jedem Ausgang des Rennens zufrieden gewesen, weil Imax sowohl mit Paramount als auch mit Netflix zusammenarbeite.

Imax war in jüngster Zeit selbst Gegenstand von Übernahmespekulationen. Das „Wall Street Journal“ berichtete im Frühjahr, das Unternehmen prüfe einen Verkauf und spreche mit möglichen Interessenten. Dolci äußert sich nicht zu konkreten Gesprächen, zeigt sich aber aufgeschlossen gegenüber einer solchen Transaktion. Er sagt, er würde etwaigen Übernahmeinteressenten „absolut“ zuhören, und er freue sich, dass Imax als „strategische Chance“ für potentielle Käufer gesehen werde.

„Asset Light“-Strategie

Imax wurde schon 1967 in Montreal gegründet und hat heute einen Doppelsitz in Kanada und in den USA. Das Unternehmen betreibt keine eigenen Kinos, sondern ist auf die Entwicklung von Bild- und Tontechnologien spezialisiert und somit gewissermaßen ein Lieferant für die Filmindustrie. Es verdient sein Geld damit, diese Imax-Systeme an Kinobetreiber zu verkaufen oder zu vermieten und Filme für das Imax-Format aufzubereiten. Üblicherweise bekommt es einen Anteil an den Kinoeinnahmen. Dolci beschreibt das Geschäftsmodell als „Asset Light“ und sagt, dieses verschaffe Imax Agilität und Flexibilität. Es bringt aber auch mit sich, dass sich die Umsätze von Imax in Grenzen halten. 2025 stieg der Umsatz um 16 Prozent auf 410 Millionen Dollar, der Nettogewinn betrug 46 Millionen Dollar.

Imax war lange Zeit vor allem für die Projektion von Dokumentarfilmen bekannt, hat dann aber sein Geschäft mehr und mehr auf große Hollywood-Produktionen verlagert. Einer der ersten bedeutenden Erfolge war dabei der erste „Avatar“-Film von James Cameron, der 2009 herauskam. In Deutschland ist Imax schon seit 1992 vertreten. Damals wurde im Deutschen Museum in München ein Imax-Kino eröffnet, das es allerdings schon lange nicht mehr gibt. Auch einige andere Imax-Standorte wurden hierzulande wieder geschlossen. Die heutigen Imax-Kinos in Deutschland sind überwiegend in den Häusern großer Ketten wie UCI und Cinestar. Manche sind in unabhängiger Hand, darunter das Kino mit der Rekordleinwand in Leonberg, das dem Unternehmer Heinz Lochmann gehört. In Speyer und Sinsheim gibt es auch noch Museen mit Imax-Leinwänden, in denen eine Mischung aus Dokumentationen und Hollywoodfilmen gezeigt wird. Dolci sagt, Imax komme bei seiner Expansion in Deutschland zugute, wegen seiner langen Geschichte als Marke eine hohe Bekanntheit zu haben.

Der Erfolg von Imax zieht auch Nachahmer an. Der Unterhaltungskonzern Walt Disney hat kürzlich ein Zertifizierungsprogramm für Großleinwände mit dem Namen „Infinity Vision“ angekündigt. Dolci sagt, er sehe dies „nicht im Geringsten“ als Bedrohung für Imax. Es handele sich dabei um „pures Marketing“, hinter dem keine technologische Innovation stehe. Imax sei das einzige Unternehmen, das mit seinen Technologien die „gesamte Wertschöpfungskette“ abdecke, vom Filmdreh über die Postproduktion bis zur Präsentation in den Kinos. „Niemand sonst hat die gesamte Rezeptur, weil es extrem schwer ist, das von Grund auf aufzubauen.“

Dolci sagt, die Verhandlungsposition von Imax habe sich enorm verändert, seit er vor 14 Jahren ins Unternehmen gekommen sei. Damals habe er in Hollywood noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Heute klopften die Filmstudios von selbst mit dem Wunsch an, ihre Filme auch im Imax-Format herauszubringen. Und diese Gespräche fänden immer früher statt, weil sich die Studios bestimmte Zeitfenster in den Imax-Kinos sichern wollten: „Wir sprechen jetzt schon darüber, welche Filme 2028 bei uns laufen werden.“