fehlende Wettbewerbsfähigkeit : Faserkonzern Lenzing plant großen Stellenabbau und Standortverkäufe
Das Unternehmen aus Österreich kappt zwei Werke und streicht Tausende Stellen. Anleger fliehen, der Vorstand setzt auf Spezialfasern für mehr Ertrag.
Der österreichische Faserhersteller Lenzing zieht die Konsequenzen aus mehreren Verlustjahren und einem schwierigen Marktumfeld. Bis Ende 2027 sollen rund 2000 Stellen wegfallen, mehr als ein Viertel der Belegschaft. Die Produktion an den Standorten Heiligenkreuz im Burgenland und Grimsby in England soll bis dahin auslaufen. Für beide Werke ist ein Verkauf vorgesehen.
Lenzing begründet den Einschnitt mit hohen Energiepreisen, starker Konkurrenz aus Asien und Belastungen durch den amerikanischen Zollkonflikt. Mithilfe der Hauptaktionäre, der österreichischen B&C-Gruppe und des brasilianischen Zellstoffkonzerns Suzano, sollen bis zu 600 Millionen Euro in eine Neuausrichtung fließen. Ziel sei es, den Hauptsitz in Oberösterreich zu stärken und die Rentabilität zu sichern. Anleger reagierten mit einer Flucht aus dem Titel, der Kurs sank am Dienstagvormittag um fast ein Fünftel. Analysten der Deutschen Bank haben eine negative Börsenreaktion auf die Ankündigung erwartet, sehen eine strategische Neuausrichtung des Konzerns nach mehreren Verlustjahren aber generell positiv.
Neuaufstellung für Wettbewerbsfähigkeit
Der Vorstandsvorsitzende Georg Kasperkovitz sagte der Austria Presseagentur, Lenzing müsse Wettbewerbsfähigkeit und Ertragskraft dauerhaft verbessern, die Kapitalrendite erhöhen und sich stärker auf höherwertige Marktsegmente ausrichten. Dazu gehört auch eine Neuordnung des Textilgeschäfts. Lenzing verarbeitet Holz zu Zellstoff und stellt daraus Fasern für Mode, Handel, Industrie, Kosmetik und Hygiene her. Nach Unternehmensangaben ist Lenzing der einzige Hersteller weltweit, der Viskose, Modal und Lyocell in großem Stil an einem Standort produziert.
Die Standortkonsolidierung wird auch in der Bilanz Folgen haben. Für 2026 erwartet Lenzing Wertminderungen auf langfristige Vermögenswerte, vor allem Sachanlagen, von bis zu 150 Millionen Euro. Diese nicht zahlungswirksamen Abschreibungen werden das operative Ergebnis und das Konzernergebnis belasten, nicht aber das operative Ergebnis vor Abschreibungen.
Industrie leidet unter Standortkosten
Hauptaktionär von Lenzing ist die österreichische Industrieholding B&C mit 37,25 Prozent. Sie hatte 2024 ihre Mehrheit abgegeben. Suzano übernahm damals 15 Prozent und ist mit B&C syndiziert. Der brasilianische Konzern besitzt zudem eine Kaufoption auf weitere 15 Prozent bis 2028. Goldman Sachs hält 10,01 Prozent, 37,74 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz.
Lenzing steht beispielhaft für den Druck auf die österreichische Industrie. Hohe Energie- und Materialkosten sowie die schwache Konjunktur zählen einer internationalen EY-Umfrage unter Restrukturierungs- und Sanierungsfachleuten der Banken zufolge zu den wichtigsten Belastungsfaktoren. Fast die Hälfte der österreichischen Befragten erwartet den Höhepunkt der Restrukturierungswelle noch im zweiten Halbjahr dieses Jahres.
Insolvenzneigung bleibt hoch
Auch die Zahl der Insolvenzen bleibt das fünfte Jahr ohne Unterbrechung hoch. Die Gläubigerschutzeinrichtung Kreditschutzverband KSV 1870 rechnet für das Gesamtjahr mit rund 6800 Unternehmensinsolvenzen, ähnlich viel wie 2025. Einen Anstieg über die Marke von 7000 – eine historische Höchstmarke – erwartet KSV-Experte Karl-Heinz Götze derzeit nicht, verweist aber auf eine weiterhin angespannte Lage und wenig rosige Aussichten.
Viele Unternehmen litten nicht unter einem einzelnen Problem, sondern unter mehreren Belastungen zugleich, heißt es bei EY-Parthenon: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkte Finanzierungsmöglichkeiten. Das mache Restrukturierungen komplexer, sagt Jürgen Kogler, Partner bei EY-Parthenon Österreich, und das erhöhe den Druck, früh realistische Szenarien zu entwickeln. Besonders betroffen seien Automobilzulieferer, der Handel, die Immobilienbranche sowie Bau, Baumaterialien und das produzierende Gewerbe.
Für Banken sind Sanierungen eine Gratwanderung. Sie müssen eigene Verluste begrenzen und zugleich regulatorische Anforderungen erfüllen, etwa höhere Rücklagen für riskante Kredite bilden. Nach Einschätzung Koglers braucht es bei strukturell belasteten Geschäftsmodellen häufig eine Kombination aus finanzieller Neuordnung, operativer Sanierung und strategischen Entscheidungen bis hin zu Verkäufen, Abspaltungen oder geordneten Insolvenzverfahren.
Die Banken setzten aber weiterhin vor allem auf außergerichtliche, einvernehmliche Lösungen. KSV-Experte Götze sieht die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen durch stark gestiegene Energie- und Personalkosten geschwächt. Gerade bei den Lohnkosten habe man sich „aus dem Markt geschossen“, sagt er.