Deutscher Gründerpreis : Diese Unternehmer haben das Zeug, die Welt zu verändern

Neue Ideen für Deutschland: Wer bekommt den Gründerpreis? Es geht um Elektromotoren aus München, Babytragen aus Berlin – und Antennen aus Wiesbaden.

Deepdrive: Neuer Motor fürs Elektroauto.

Der Elektromotor ist nun wirklich keine neue Erfindung. Es gibt ihn seit mehr als zwei Jahrhunderten, 1821 wurde das Grundprinzip vom britischen Physiker Michael Faraday ersonnen. Zum industriellen Massenprodukt hat den E-Motor einige Jahrzehnte später unter anderem Werner von Siemens verfeinert und weiterentwickelt. Der Elektroantrieb ist damit älter als die heute gängigen Verbrennungsmotoren nach dem Otto- und Dieselprinzip. Und dennoch sieht ein junges Unternehmen aus München noch viel Luft nach oben: Das 2021 gegründete Start-up Deepdrive hat einen sogenannten Doppelrotor-Radialfluss-Motor entwickelt und das Prinzip patentieren lassen. Vereinfacht ausgedrückt bestehen Elektromotoren aus einem festen Stator, der ein elektrisches Magnetfeld erzeugt, und einem beweglichen Rotor, der vom Magnetfeld in Drehung versetzt wird. Der von Deepdrive entwickelte Elektroantrieb verfügt dagegen über zwei Rotoren, er ist also quasi zwei Motoren in einem. Die Technologie habe mehrere Vorteile gegenüber konventionellen Elektromotoren, verspricht das Unternehmen. Der neuartige Motor soll bis zu 30 Prozent weniger Energie verbrauchen und mehr Drehmoment liefern, also kraftvoller sein. Zugleich ist er laut Deepdrive leiser und in der Fertigung kostengünstiger als andere Elektroantriebe. Gedacht ist der Motor sowohl für vollelektrische E-Autos als auch für Hybridautos, wo er als Stromgenerator eingesetzt werden kann. An der Spitze von Deepdrive stehen der frühere Rothschild-Investmentbanker Felix Pörnbacher und der Ingenieur Stefan Ender, der zuvor für Bosch gearbeitet hat. Als Investoren sind unter anderem BMW und Volkswagen an Bord.

Vivalyx: Lösung für Organspenden

Allein in Deutschland warten zurzeit mehr als 8000 Menschen auf eine Organspende. Die Frage, wie sich die Zahl der verfügbaren Spenderorgane erhöhen lässt, ist ethisch und politisch umstritten. Das Unternehmen Vivalyx aus Aachen arbeitet an einer medizintechnischen Neuerung, die abseits dieses Konfliktfelds einen großen Fortschritt bringen könnte. Es geht um die Flüssigkeit, in der gespendete Organe aufbewahrt werden, bis sie eingepflanzt werden. Die beiden Gründer von Vivalyx, der Mediziner Benedict Doorschodt und der Betriebswirt Andreas Schumacher, haben dafür eine synthetische Mischung entwickelt, die eine längere Zeitspanne zwischen Entnahme und Transplantation erlauben und die Funktionstüchtigkeit der Organe besser bewahren soll als die bisher üblichen Konservierungsmethoden. Um 50 Prozent oder mehr könnte die Zahl der verfügbaren Spenderorgane dadurch nach ihrer Berechnung steigen. Zurzeit wird das Vivalyx-Produkt an der Uniklinik in Rotterdam getestet. Die Zwischenergebnisse sind ermutigend, die Europäische Arzneimittelbehörde hat schon einen „Breakthrough Status“ erteilt. „Wir rechnen mit einer europaweiten Zulassung für Nierentransplantationen noch in diesem Jahr“, sagt Andreas Schumacher. Dann dürfte die kommerzielle Nutzung 2027 richtig in Schwung kommen, ein Produkt für Lebertransplantationen soll folgen. Das wäre eine gute Nachricht für die Geldgeber von Vivalyx, zu denen der frühere Novartis- und Pro-Sieben-Manager Thomas Ebeling sowie der für Eintracht Frankfurt spielende Fußballprofi Mario Götze zählen. Aber vor allem für viele Patienten auf der Organ-Warteliste.

Mtex Antenna: Teleskope für Nobelpreisträger

Man kennt sie aus Science-Fiction-Filmen: riesige Antennen, die an Satellitenschüsseln erinnern. Sie stehen an entlegenen Orten, in der Wüste oder auf Berggipfeln, und empfangen Signale aus den Tiefen des Weltalls. Was weniger bekannt sein dürfte, ist, dass solche Antennen in Deutschland hergestellt werden. In Wiesbaden sitzt das Unternehmen Mtex Antenna, gegründet 2019 von Lutz Stenvers und seinem verstorbenen Vater Karl-Heinz. Beide hatten bereits jahrzehntelange Erfahrung im Antennengeschäft, das früher in Konzernen wie Krupp und MAN anzutreffen war. Heute baut Stenvers die Antennen auf eigene Faust. „Wir schauen mit unseren Antennen bis ans Ende des Universums“, sagt er. Gewachsen ist Mtex vor allem dank guter Geschäfte in den USA, wo es dem Gründer zufolge einfacher ist, als Start-up an Staatsaufträge zu kommen. Für das California Institute of Technology soll Mtex in den nächsten zwei Jahren mehr als 1600 Antennen zu Forschungszwecken in der Wüste von Nevada bauen, mitfinanziert von Ex-Google-Chef Eric Schmidt. Neben der Wissenschaft – auf solchen Teleskopen werden Nobelpreise verdient – wird auch der private Markt wichtiger. Hinzu kommt die militärische Nutzung. Großaufträge wie der von Caltech bewegen das Antennengeschäft von der Manufaktur zur Massenfertigung. Die Produktion sei locker um 50 Prozent günstiger als in den USA, schätzt Stenvers, trotz Fertigung in Deutschland. Die Produktion soll bald auf monatlich 100 Schüsseln mit fünf Meter Durchmesser steigen. Trotz der Größe der Schüsseln ist das höchste Präzisionsarbeit. Für die Antennen baut Mtex Spiegelpaneele, etwa so groß wie ein Doppelbett, mit der Präzision von einem Fünftel des Durchmessers eines menschlichen Haares. Für die Herstellung vieler Teile setzt Mtex auf mittelständische Partner. Erst vor Ort werden die Antennen zusammengesetzt, „wie ein Legobaukasten“, sagt Stenvers. Das Unternehmen ist mit seinen 31 Mitarbeitern vergleichsweise klein, der Mehrwert steckt nicht zuletzt in der eigenen Software.

Flybaby: High-Tech für Babytragen

Das Produkt ist an und für sich nicht neu. Babytragen gibt es schon lange. Sie sind schneller angezogen als Tragetücher. Das ist ihr großer Vorteil gegenüber dem klassischen Alternativprodukt, das immer wieder neu und mit einiger Geschicklichkeit gewickelt werden muss. Es gibt aber auch einen Nachteil. Die Tragen liegen oft nicht wirklich bequem an, und der Kontakt zwischen Eltern und Kind ist weniger direkt. Die Schwestern Gesine und Elisabeth Hillmann, die als junge Mütter ihre Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben, versuchen mit ihrem Unternehmen Flybaby aus Berlin, das Beste aus beiden Welten des Babytragens zu verbinden und die jeweiligen Nachteile zu eliminieren. Dafür nutzen sie eine spezielle Stricktechnik und ein eigenes Schnittmuster. So kann die Flybaby-Trage in einem Stück von Maschinen gestrickt werden. Das macht die Trage anschmiegsam, es keine unangenehm drückenden Nähte, nur die Schnallen für das schnelle An- und Ausziehen müssen angenäht werden. Mittlerweile liefern die beiden Schwestern ihre Tragen in mehr als ein Dutzend Länder.

Proxima Fusion: Magnete für saubere Energie

Grenzenlos saubere, bezahlbare und verlässliche Energie, unabhängig von Dunkelflauten genauso wie von Gasimporten – nicht weniger hat sich Proxima Fusion vorgenommen. Das Münchener Start-up ist mittendrin im Rennen um den ersten Kernfusionsreaktor der Welt. Mehr als 50 Unternehmen, allein vier aus Deutschland, tüfteln an der Zukunftstechnologie, bei der Energie nach demselben Prinzip erzeugt wird wie im Inneren der Sonne. Es gibt unterschiedliche technische Ansätze, Proxima setzt auf spezielle Magneten, um bei Temperaturen von mehreren Millionen Grad das Plasma innerhalb des Reaktors zu erzeugen, das für die Kernfusion nötig ist. Gründer Francesco Sciortino ist überzeugt, dass in Europa langfristig nur ein Fusionsunternehmen überleben kann. Zu groß ist der Kapitalbedarf, zu rar sind die gut ausgebildeten Fachkräfte. Und kein Konkurrent diesseits des Atlantiks hat bisher so viel Geld eingesammelt wie Proxima, zuletzt mehr als 400 Millionen Euro, unter anderem von Google. Nur Commonwealth Fusion aus den Vereinigten Staaten hat mehr. Noch ist die Fusion zwar Zukunftsmusik, Proxima macht derzeit quasi null Umsatz. Aber wenn das, was die Gründer versprechen, eintrifft, steckt hinter der Technologie revolutionäres Potential. Anfang des Jahres hat Proxima ein Konsortium mit über 30 Industrieunternehmen gegründet, die den Bau des ersten Fusionsreaktors in Deutschland unterstützen sollen, darunter RWE, Bilfinger und Siemens Energy. In den Dreißigerjahren soll der erste Reaktor fertig werden, auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Gundremmingen. Proxima soll dabei kein reines Forschungslabor bleiben, Sciortino will selbst wesentliche Teile eines Kraftwerks herstellen, allen voran die Magneten. Der Clou: Die Magneten sollen modular hergestellt werden, mit steigender Kapazität würden dann die Kosten fallen – anders als in der Kernspaltung, die bei herkömmlichen Atomkraftwerken zur Anwendung kommt und die mit der Zeit immer teurer wurde.

Pixel Photonics: Lichtschalter für Fortgeschrittene

Quantencomputer, Krebserkennung, Überwachung kritischer Infrastruktur: Für einen winzig kleinen Schalter sind die Anwendungsmöglichkeiten der Technik von Pixel Photonics riesig. Das aus der Universität Münster hervorgegangene Start-up entwickelt extrem empfindliche Detektoren, die einzelne Lichtteilchen – sogenannte Photonen – erfassen können. Um riesige Mengen an Daten extrem schnell verarbeiten zu können, setzen viele Technologien auf Licht als Informationsträger. Photonische Quantencomputer müssen etwa wissen, ob und wann einzelne Photonen ankommen, um zuverlässig rechnen zu können. Bisher sind die dafür nötigen Lichtdetektoren meist daumengroß, teuer und schwer in andere Geräte zu integrieren. Pixel Photonics kann diese viel kleiner und leistungsfähiger bauen: Auf einen einzigen Chip passen Tausende solcher Schalter. Sie können industriell gefertigt werden und sollen so auch noch deutlich günstiger sein. Die Detektoren stehen schon heute in vielen Quantenlaboren. Im Sicherheitskontext könnten die Schalter beispielsweise über Glasfaserleitungen in der Ostsee an Pipelines und Kabeln befestigt werden und über Schwingungen des Lichts erkennen, ob diese manipuliert wurden. Und in der Medizin könnte die Technik anhand spezifischer Reflektionen erkennen, ob es sich bei Gewebe um einen Tumor handelt oder nicht. Pixel Photonics will für all diese Branchen zu einem entscheidenden Zulieferer werden.

Adapt-X Systems: Kühlung für Maschinen

Beim Zerspanen, einem klassischen Verfahren der Metallbearbeitung, wird das Werkzeug extrem heiß. Deswegen muss es während der Bearbeitung dauerhaft mit Kühlschmierstoff befeuchtet werden. Das allerdings ist einer der größten Kostenpunkte bei der Zerspanung. Wenn es nach den Ingenieuren von Adapt-X Systems geht, braucht es diese Schmierstoffe bald nicht mehr. In einem Forschungsprojekt der TU Berlin haben Paul Meier und Danny Schröter eine Kühlvorrichtung entwickelt, die das Werkzeug genau dort herunterkühlt, wo die Hitze entsteht. Ihre Apparatur leitet die Wärme in einen Kühlkreislauf über und ersetzt so das Schmiermittel. Gemeinsam mit ihrem Kompagnon Tim Bornemann wollen Meier und Schröter ihr neuartiges Produkt jetzt an Kunden aus der Industrie verkaufen. Interessant dürfte das Angebot des Gründertrios nicht zuletzt deshalb sein, weil sich mit dem System Anlagen aus dem Bestand nachrüsten lassen. Die Kunden müssen also nicht erst eigens teure neue Werkzeuge anschaffen, um künftig am Schmierstoff sparen zu können.