Monatelang haben Jugendliche in ganz Deutschland mit der Anmeldung in der Fahrschule gewartet. Sie hofften auf einen billigeren Führerschein. Heute stimmt der Bundestag über die Reform ab, auf die sie gewartet haben.
Die schlechte Nachricht für alle Abwartenden: Die wichtigsten Neuerungen sollen erst am 1. Juli 2027 gelten. Ob dann wirklich bis zu 1000 Euro Ersparnis drin sind, bezweifeln selbst Fachleute.
Führerschein-Reform im Bundestag: Was heute auf dem Tisch liegt
Abgestimmt wird über den Gesetzentwurf zur Änderung des Fahrlehrergesetzes. Die Debatte beginnt laut Tagesordnung um 15.15 Uhr und ist auf eine halbe Stunde angesetzt.
Am Mittwoch hatte der Verkehrsausschuss den Weg frei gemacht. Union und SPD stimmten dort für eine geänderte Fassung, AfD, Grüne und Linke dagegen.
Fertig ist die Reform damit nicht. Der Bundesrat muss zustimmen. Viele Details zu Sonderfahrten und Prüfungen stehen außerdem in einer Verordnung des Verkehrsministeriums, die ebenfalls durch die Länderkammer muss.
Führerschein-Kosten: Von 3400 auf 2400 Euro?
Ein Pkw-Führerschein der Klasse B kostet laut Bundesverkehrsministerium im Schnitt rund 3400 Euro. Rund 800.000 Menschen machen jedes Jahr in Deutschland ihren Führerschein.
Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) stellte im Gespräch mit der Welt mehrere hundert Euro Ersparnis in Aussicht, im besten Fall bis zu 1000 Euro. Gleichzeitig räumte er ein, dass die Preise regional stark schwanken und manche Fahrschüler schlicht mehr Stunden brauchen.
Die Reform hat Bilger geerbt. Sein Vorgänger Patrick Schnieder (CDU) hatte sie mit dem Satz „Mobilität darf kein Privileg sein“ angestoßen, eine Spar-Summe aber nie genannt. Schnieder musste im Juli bei der Kabinettsumbildung von Kanzler Friedrich Merz gehen.
Noch weiter geht die AfD. Sie fordert in einem eigenen Antrag einen „Führerschein für 1 Euro“, der bereits bei der ersten Lesung gemeinsam mit dem Regierungsentwurf beraten wurde.
Theorie per App, kürzere Prüfung: Die wichtigsten Änderungen
Theorieunterricht: Die Präsenzpflicht fällt. Wer will, lernt künftig per App zu Hause oder in einem hybriden Modell. Der klassische Unterrichtsraum bleibt als Option.
Theorieprüfung: Der Fragenkatalog soll deutlich kleiner werden.
Sonderfahrten: Bisher sind zwölf Pflichtfahrten à 45 Minuten vorgeschrieben, aufgeteilt auf Überland, Autobahn und Dunkelheit. Eine feste Zahl soll es nicht mehr geben. Der Fahrlehrer entscheidet nach dem Können des Schülers.
Praktische Prüfung: Die reine Fahrzeit sinkt von 30 auf 25 Minuten, die gesamte Prüfung von 55 auf 40 Minuten. Das Ministerium hofft auf mehr Prüfungstermine pro Tag und kürzere Wartezeiten.
Preisvergleich: Fahrschulpreise und Bestehensquoten sollen in einer Online-Datenbank stehen, die auch Vergleichsportale anzapfen dürfen.
Üben mit den Eltern: Nur wenn Ihr Bundesland mitmacht
Das größte Sparpotenzial steckt in der sogenannten Laienausbildung. Fahrschüler dürfen dann zusätzlich mit einer nahestehenden Person auf öffentlichen Straßen üben, etwa mit Mutter oder Vater.
Vorher müssen sie die Theorieprüfung bestanden und mindestens sechs Fahrstunden absolviert haben. Die Begleitperson braucht seit mindestens sieben Jahren einen Pkw-Führerschein und darf höchstens einen Punkt in Flensburg haben.
Der Verkehrsausschuss hat nachgeschärft. Laut einem dpa-Bericht stehen die zentralen Sicherheitsregeln jetzt direkt im Gesetz. Auch Mutter oder Vater müssen vorher in der Fahrschule praktisch geschult werden.
Entscheidend ist aber ein anderer Punkt. Jedes der 16 Bundesländer muss die Laienausbildung per eigener Verordnung einführen. Zieht ein Land nicht mit, übt man dort weiter ausschließlich mit dem Fahrlehrer.
Kritik an der Führerscheinreform: Fahrlehrer zweifeln an den 1000 Euro
Der ADAC hält unter optimalen Bedingungen bis zu ein Drittel weniger Kosten für möglich. „Wichtig ist für uns, dass Kostensenkungen nicht zulasten der Ausbildungsqualität und der Verkehrssicherheit gehen“, betont eine Sprecherin.
Deutlich skeptischer sind die Fahrlehrer. Kurt Bartels, Vizevorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, kann die 1000-Euro-Rechnung des Ministers nicht nachvollziehen. Bilger habe nicht erklärt, wie das gehen solle. Elternfahrten lehnt der Verband als „Ausbildung von Laien durch Laien“ strikt ab.
Auch der Verkehrssicherheitsverband Moving hält die Summe für unrealistisch. Weniger Papierkram und den Einsatz von Simulatoren begrüßt er. Online-Theorie ohne Präsenz und Elternfahrten nach nur sechs Stunden hält er dagegen für ein Sicherheitsrisiko.
Grüne und Linke warnen, die Kosten könnten sich bloß verschieben, etwa wenn Fahrschüler statt Sonderfahrten mehr normale Stunden buchen. Der Parlamentarische Staatssekretär Christian Hirte (CDU) hält sogar steigende Versicherungsbeiträge für denkbar.
Warten oder anmelden? Was Fahrschüler jetzt wissen sollten
Wie stark schon die Ankündigung gewirkt hat, zeigt eine Umfrage von Moving unter 2424 Fahrschulen. 84 Prozent meldeten danach weniger Neuanmeldungen, im Schnitt ein Minus von 54 Prozent. In Großstädten lag es bei rund 58 Prozent.
Das Ministerium riet damals ausdrücklich davon ab, zu warten. Die Reform wirke eher langfristig auf die Preise. Das gilt weiter: Selbst wenn heute alles glattgeht, greifen die meisten Regeln frühestens im Sommer 2027, und die Bundesländer haben bei den Elternfahrten das letzte Wort.
Die größten Kostentreiber ändert auch die Reform nicht. Fahrlehrer Gerhard Tiessen nannte in seiner Stellungnahme für die Bundestagsanhörung vor allem die Zahl der Fahrstunden und durchgefallene Prüfungen. Hier entscheidet sich der Preis, mit oder ohne neues Gesetz.
Mehr zu den Plänen lesen Sie in unserem Überblick „Führerschein bis zu 1000 Euro billiger: Was sich ab 2027 für Fahrschüler ändern soll“.
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