Bedrohte Existenzgrundlage : Ohne Wasser kein Leben

Der Klimaforscher Mojib Latif berichtet in seinem neuen Buch über unseren fragwürdigen Umgang mit der Ressource Wasser. Sachlich und ohne eifernde Panikmache.

Die Erde ist ein Wasserplanet, zu drei Vierteln mit Wasser bedeckt, das dort als Ursprung allen Lebens die wichtigste Existenzgrundlage bildet. Da das bislang selbstverständliche Gut bereits im Mittelmeerraum, dem Nahen Osten, in Südostasien und den USA rar zu werden beginnt, stellt sich die Frage nach dem Fortbestand menschlichen Daseins, wenn in wachsender Trockenheit Wasser knapp ist. Diskutiert wird immer häufiger, was Wasser kann und muss, in welchem Zustand es sich weltweit befindet, wo es leidet, schwindet und fehlt und wie lange die Ressourcen noch reichen. Ohne Wasser kein Leben, mahnen Umwelt- und Klimaschützer. Angesichts unumkehrbarer Süßwasser-Verluste und nur noch wenigen Zehntelprozent Reserven spricht die UN vom Anbruch eines „Zeitalters des globalen Wasserbankrotts“.

Wasser als gefährlich bedrohtes Element auf dieser Erde diagnostiziert auch Mojib Latif. Der in Hamburg ausgebildete Meteorologe, Klima- und Meeresforscher pakistanischer Herkunft ist seit vielen Jahren Professor an der Universität Kiel und dem dortigen Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. In seinem neuen Buch beschreibt er die zentrale Bedeutung des Wassers für die Menschheit und die Risiken für das Element durch Missbrauch und Umweltzerstörung. Kenntnisreich, klug und sachlich, ohne schrille Töne und eifernde Panikmache schildert er den Wasserzustand auf unserem Planeten, dessen Einfluss auf das System der Erde sowie leidige Folgen menschlicher Aktivitäten wie etwa Trinkwasserknappheit, Grundwassermangel, Korallenbleiche und Versauerung der Meere.

Die Versauerung der Ozeane

Der auf acht Kapitel verteilte, bildfreie Text mit Anmerkungen erst am Buchende liest sich flüssig und verständlich. Ausgehend von der Entstehung des Universums und der Erdgeschichte, die unseren Globus über reichlich Wasser zum einzigartigen Ort im Sonnensystem mit früh hochentwickelten Zivilisationen machte, kommt Latif bald zu seinem eigentlichen Thema, dem ständig steigenden Wasserverbrauch unserer Zeit, verursacht durch Klimaveränderung, Bevölkerungswachstum, menschliche Nutzung und Verschwendung. Globale Krisenzeichen sieht er in Knappheit und vielfältiger Verschmutzung des Elements. Chemische Schadstoffe, Medikamentenrückstände, Ölkatastrophen, vor allem aber Unmengen von Mikroplastik mit Ewigkeits-Charakter bedrohen die Wasserqualität und die Biosphäre in aller Welt.

Die Wassersituation in Deutschland scheint für Latif dank ausreichender Niederschläge der Westwindzone noch größtenteils in Ordnung, wenn auch angesichts des Klimawandels gleichfalls gefährdet. Auch hier gilt, dass Wasser das lokale Klima reguliert und als Wärmespeicher und Verstärker globaler Temperaturen wirkt. Steigende Werte führen zu mehr Wasser in der Atmosphäre. Das provoziert Extremereignisse wie Hitzewellen, Stürme und Überschwemmungen und bedroht Ökosysteme, Artenvielfalt ebenso wie die menschliche Gesundheit.

Erschreckend ist Latifs schonungsloser Blick auf die Weltmeere als Schuttabladeplatz für Massen von langlebigem Mikroplastik und andere „stille Killer“. Durch den Klimawandel erwärmen sie sich immer stärker und geraten aus dem Gleichgewicht. Das begünstigt das Artensterben, zerstört Korallenriffe und lässt den Meeresspiegel ansteigen. Weitgehend unsichtbar bleibt auch die Versauerung der Ozeane infolge des Abbaus von zunehmend mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Eigentlich dienen die Riesenwasserflächen in dankenswerter Weise als gigantische Puffer für menschengemachte Kohlendioxid-Emissionen. Aber durch die Aufnahme großer Mengen aus der Luft löst sich Treibhausgas im Wasser zu Kohlensäure, wodurch der pH-Wert im Meer sinkt, was vor allem kalkbildende Organismen schädigt.

Die Dringlichkeit globaler Maßnahmen, um Wasserknappheit, Umweltzerstörung und extreme Wetterlagen zu verhindern, steht für Mojib Latif außer Zweifel. Technische Lösungen allein seien nicht ausreichend. Es brauche systemische Veränderungen wie die radikale Umstellung auf Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Landwirtschaft sowie den definitiven Verzicht auf fossile Brennstoffe und Plastikprodukte. Nur mit verbindlichen Maßnahmen und entschiedenen Regulierungen weltweit könne Wassermangel wirkungsvoll bekämpft werden.

Den internationalen Aktivisten-Tourismus zu Klima und Umweltschutz hält Latif für wirkungslos. „Diese Konferenzen verkommen allmählich zu einer Farce“, schreibt er. „Die Delegierten sehen das meistens anders. Aber irgendwie müssen sie ja den gigantischen Aufwand rechtfertigen, wenn sich zigtausende Menschen aus fast zweihundert Ländern, darunter jede Menge Lobbyisten, tausende Kilometer auf den Weg machen, um sich an einem Ort zu treffen.“ Eindringlich appelliert Latif stattdessen an die freiwillige Verantwortlichkeit jedes Einzelnen. Der Schutz der Erde sei eine gemeinsame Verantwortung.