Neue Möbelkollektion : Ein bisschen Barbican fürs Volk
Seit mehr als einem halben Jahrhundert prägt das Barbican die Londoner City. Eine Möbelkollektion zeigt jetzt, dass sich seine Formen auch auf Teppichen, Leuchten und Sesseln gut machen. Und auch der Betonkoloss selbst richtet sich neu ein.
Bevor Gebäude als Summe austauschbarer Einzelteile verstanden wurden, baute man gelegentlich noch Häuser wie das Barbican in London. Der brutalistische Wohn- und Kulturkomplex entstand auf einem riesigen Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg in der Londoner City. Von 1962 an wuchs hier eine neue Stadt in der Stadt, an der nicht nur die schiere Größe bemerkenswert ist, sondern die Konsequenz, mit der hier wirklich alles gestaltet wurde. So sieht der Beton zwar so aus, als sei er direkt aus der Schalung gekommen, tatsächlich wurde er aber über anderthalb Jahrzehnte in mühsamer Handarbeit mit Hämmern beschlagen.
Auch sonst überließ man wenig dem Zufall. Erhöhte Gehwege trennen Fußgänger vom Autoverkehr, dazwischen liegen Terrassen, Gärten und Wasserbecken. Selbst einzelne geometrische Formen tauchen immer wieder auf: vor allem der Halbkreis, mal umgedreht an Fensterbrüstungen, mal als gewölbtes Dach der Penthouse-Wohnungen, dann wieder an Treppen, Brunnen oder anderen Details. Gerade diese Mischung aus monumentalem Maßstab und fast obsessiver Detailarbeit machte die Anlage zu einem der bedeutendsten Beispiele des britischen Brutalismus.
Neue Möbelkollektion greift Architektur auf
Die Architektur hört nicht an der Wohnungstür auf. Für die ersten Musterwohnungen beauftragte die City of London Ende der Sechzigerjahre die Architektin Miriam Howitt. Sie entwarf fünf Wohnungen und erfand dafür gleich die passenden Bewohner mit: Eine war für einen jungen Manager, seine Frau und deren jüngere Schwester gedacht, eine andere für einen Banker und dessen Frau, die regelmäßig internationale Freunde und Geschäftspartner empfingen. Entsprechend unterschiedlich fielen Budgets und Möbel aus. Howitt kombinierte skandinavische und niederländische Einflüsse mit kräftigen Stoffen, dunklem Holz und modularen Entwürfen.
Fast 60 Jahre später dienen diese Wohnungen (zusammen mit der Architektur der öffentlichen Bereiche) als Ausgangspunkt für eine 23-teilige Kollektion, die das Barbican gemeinsam mit der Möbelfirma Made entwickelt hat. Eine geschwungene Tischleuchte mit röhrenförmigen Schirmen erinnert an die Akustikelemente des Konzertsaals, ein handgetufteter Wollteppich mit langem Flor an Textilien aus den Musterwohnungen. Decken- und Wandleuchten zitieren die charakteristischen Waffeldecken, Stühle mit kräftigen hölzernen Seitenwangen die Betonpfeiler der Anlage, ein Couchtisch die versenkten Sitznischen im hauseigenen See.
Vom 12. bis 20. September wird die Kollektion in einer Installation im Barbican Centre – dem Kulturzentrum der Anlage – zu sehen sein. Dort beginnt gerade übrigens noch eine zweite, wesentlich größere Möbelgeschichte: Damit es zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum im Jahr 2032 wieder stärker als gestalterisches Ganzes verstanden wird, wird es nun für umgerechnet knapp 270 Millionen Euro renoviert. Von den ursprünglichen Sofas, Sesseln, Stühlen und Tischen, die der britische Designer Robin Day eigens für seine Foyers und öffentlichen Räume entworfen hatte, ist kaum etwas übrig; vieles wurde im Laufe der Jahre ersetzt.
Das Sammelsurium wirkt weder besonders einheitlich, noch entspricht es den Anforderungen heutiger Nutzer. Deshalb sucht das Barbican derzeit einen Designer für eine neue Möbelstrategie. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, alles Alte hinauszuwerfen. Zwar sollen 500 neue Möbel entworfen werden, vorhandene Stücke sollen aber, wo sinnvoll, erhalten und weiterverwendet werden. Gesucht wird ein System, das die öffentlichen Räume wieder verbindet – einladender und flexibler als bisher, barrierefrei und möglichst nachhaltig. Der auf drei Jahre angelegte Auftrag soll bis November 2029 laufen. Designer sind eingeladen, bis Ende August ihre Entwürfe einzureichen.