Vorbild für Deutschland : Darum gilt Singapur als Vorreiter im Kampf gegen den Hitzestress
In Singapur ist Hitze Alltag. Doch anders als Europa hat das Land eine Strategie, um trotz Klimawandel weiter erfolgreich zu sein. So sieht sie aus.
Am Rande von Singapurs Botanischem Garten liegt umgeben von immergrünen Bäumen und 600 Pflanzenarten einer der schönsten Spielplätze der Welt. An Ästen und Wurzeln nachgebildeten Klettergerüsten hängen Seile, Netze, Schaukeln und Hängematten. Nur die großen roten Lettern auf der Metallröhre, durch die Kinder elf Meter in die Tiefe rutschen sollen, stört das Idyll: „Könnte heiß sein!“ Es ist auch eine Warnung davor, wie schwierig es für Deutschland werden könnte, mit den neuen Hitzewellen umzugehen, von denen in diesem Sommer nun die fünfte durch Europa rollen könnte.
Der Warnhinweis auf dem Spielplatz in Singapur ist bitter nötig. In keinem anderen Industrieland ist es konstant so warm wie in dem südostasiatischen Zwergstaat ohne Jahreszeiten. 140 Kilometer nördlich des Äquators herrschen von Januar bis Dezember tagsüber um die 31 Grad, was bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit einer gefühlten Temperatur von 37 bis 40 Grad im trockeneren Europa gleichkommt. Der alte Kontinent mit seinen Tausenden Hitzetoten hat sich diesen Sommer schlecht vorbereitet auf die hohen Temperaturen gezeigt. Singapur hingegen gilt als weltweiter Vorreiter im Kampf gegen den Hitzestress.
Die Klimaanlage als Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg
Bereits Staatsgründer Lee Kuan Yew hatte erkannt, dass Kühlung die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg der Tropeninsel sein würde, weshalb heute in dem Weltfinanzzentrum in 82 Prozent der Haushalte und sämtlichen Büros Klimaanlagen surren. Damit für deren Energiehunger weniger Erdgas aus den Nachbarländern Malaysia und Indonesien durch die Pipelines importiert werden muss, baut Singapur rasch die Fernkälte aus: Im Gegensatz zur Fernwärme in Deutschland wird Wasser dabei nicht in einer zentralen Anlage erhitzt, sondern auf sechs bis sieben Grad abgekühlt und dann durch kilometerlange Tunnel zu den angeschlossenen Gebäuden gepumpt wie im Finanzviertel Marina Bay. Allein dort fließt das System in bald 32 Gebäuden durch Wärmetauscher und in Lüftungsanlagen. Dort streicht die Raumluft am kalten Wasser vorbei, gibt ihre Wärme ab und wird gekühlt zurück in Büros, Hotels und Einkaufszentren geblasen.
Das erzeugt vom kommenden Jahr an eine Kälteleistung von rund 300 Megawatt, was rund sechsmal so viel ist, wie die deutschen Fernkältesysteme in Berlin und München schaffen. Doch mag Kühlweltmeister Singapur heute auch das fünftreichste Land der Welt sein, dessen Pro-Kopf-Einkommen 65 Prozent über dem Deutschlands liegt: Für Sonnensegel über allen Spielplätzen reicht das Geld auf der Insel bisher nicht.
Singapur zeigt, wie groß in Europa die Hitze-Herausforderung wird
Gut zwei Jahre ist es her, dass in einem Kindergarten an Singapurs Ostküste ein elf Monate altes Kleinkind gegen ein Uhr mittags unbemerkt von den Erzieherinnen hinter dem Haus auf den Spielplatz kroch, mit beiden Händen auf die Rutsche fasste und Verbrennungen ersten und zweiten Grades erlitt. Bereits 2017 hat eine Studie der National University of Singapore bei der Untersuchung von vier Spielplätzen „wiederholte hohe Oberflächentemperaturen“ festgestellt und für deren vollständige Verschattung plädiert. Dass dies trotz wiederholter Forderung von Eltern und Parlamentariern bis heute nicht geschehen ist, hat neben finanziellen oft schlichtweg logistische Gründe – und zeigt, wie groß Europas Herausforderung sein wird, mit der steigenden Hitze künftig umzugehen.
Das gilt umso mehr, da Singapur beim Kampf gegen die körperliche Belastung durch extrem hohe Temperaturen vieles getan hat, von dem die Welt lernen kann. Die Strategie zur Anpassung an die neue Zeit, die die EU-Kommission im Juli nach Tausenden Hitzetoten in Europa für die zweite Jahreshälfte angekündigt hat, gibt es in Singapur längst. Zeigt die staatliche Hitze-App dort besonders hohe Temperaturen an, öffnen in den Wohnquartieren „Cooling Centres“ für Senioren. 2023 maß das Wetteramt 37 Grad – so heiß war es das letzte Mal vor vier Jahrzehnten. In „dieser gefährlichen Welt“ der Gluthitze wolle der Stadtstaat „nicht nur überleben, sondern erfolgreich sein“, hat Lawrence Wong als Losung ausgegeben.
Als Singapurs Ministerpräsident im Juni beim „World Cities Summit“ die Überlebensstrategien im Detail vorstellte, sprach er von neuen Materialien und Bauweisen, die verhindern sollen, dass Straßen, Dächer und Fassaden Wärme stark aufnehmen und wieder abstrahlen. In der Stadt sorgen nun Pflanzen an neu gebauten Hochhäusern für Kühlung, während neue Vorschriften zu Gebäudeabständen, Durchlässigkeit, Höhe und Anordnung Windkorridore schaffen.
Eltern gehen mit ihren Kindern erst ab 18 Uhr auf den Spielplatz
Anders als in dem früher meist nur von einer jährlichen Hitzewelle heimgesuchten Deutschland betrachtet die Tropeninsel ihr Schicksal als Brutkasten nicht als Krise, sondern als dauerhafte Aufgabe für Stadtplanung, Gesundheit, Arbeitsschutz und Energiepolitik. Auch wenn viele Eltern mit ihren Kindern bis heute nicht selten erst ab 18 Uhr auf den Spielplatz gehen, wenn die Sonne tiefer steht, sind in Singapur an vielen anderen Stellen Verschattung, Luftzirkulation, begrünte und helle Oberflächen sowie energieeffiziente Kühlung Teil der öffentlichen Grundversorgung – so wie Straßenbau und Müllabfuhr.
Im Gegensatz etwa zu der australischen Wüstenstadt Coober Pedy, deren Einwohner in unterirdischen Wohnungen leben, die direkt in den Sandsteinfels gegraben wurden, spielt sich das Leben in Singapur meist weiter oberirdisch ab – allerdings geschützt vor der Sonne. „J-Walk“ heißt im 330.000 Einwohner zählenden Stadtteil Jurong im Westen der Stadt ein Netz aus erhöhten und ebenerdigen Fußwegen mit Dach, das die Metrostation mit Einkaufszentren, Krankenhäusern, Weiterbildungszentren, Bürohäusern, Gewerbeclustern und Wohnblocks verbindet. Wer seine Angehörigen ins Ng Teng Fong General Hospital bringen muss, gelangt in der klimatisierten Bahnstation per Fahrstuhl oder Rolltreppe in die zweite Ebene und gelangt zum Klinikkomplex, ohne auch nur einen Sonnenstrahl abzukriegen – über seitlich offene Wege mit mindestens fünf Meter Breite, durch die der Wind weht und in denen nicht das Gefühl entsteht, durch eine voll klimatisierte Röhre zu laufen.
Ein Netz an überdachten Wegen verbindet Metro, Büros und Läden
„Walk2Ride“ heißt das Programm, in dem seit 2018 eine in der ganzen Stadt rund 200 Kilometer überdachte Wegstrecke gebaut wurde. Die finden sich meist in einem Umkreis von 400 Metern von Metrostationen wie der Haltestelle Promenade in der Innenstadt, die mit zwei weiteren Stationen und insgesamt zehn Einkaufszentren verbunden ist – in diesem Fall allerdings teilweise unterirdisch und künstlich klimatisiert. Geschützt vor Sonne und Regen bleiben die Passanten aber auch hier – so wie an den Bushaltestellen über der Erde, die in der ganzen Stadt überdacht sind.
Vereinzelt löschen dort Trinkbrunnen mit Leitungswasser den Durst, die daneben auch in Einkaufszentren, Parks, Sportanlagen und Touristen-Hotspots zu finden sind – laut dem Verzeichnis „Fountainsdirectory“ 236-mal in der Stadt. Das erscheint nicht viel bei sechs Millionen Einwohnern. Doch wichtiger als die Wasserspender sind ohnehin die Arbeitsschutzregeln für die Beschäftigung im Freien, die Singapur vor drei Jahren erlassen hat. Laut denen muss der Arbeitgeber für Wasser am Arbeitsplatz sorgen. Auch den sogenannten WBGT-Wert muss dieser messen und mitteilen (Wet-Bulb Globe Temperature), der neben der Temperatur auch die Luftfeuchte, direkte Sonneneinstrahlung und Wind einbezieht – alles Faktoren, die bestimmen, ob der Körper noch Wärme abgeben kann. Ab einem WBGT-Wert von 32 Grad sind zehn Minuten Pause im Schatten vorgeschrieben, einmal pro Stunde.
Nun sind Vorschriften auf dem Papier das eine. Wer durch Singapurs Wohnviertel läuft, in denen angesichts der hohen Immobilienpreise gebaut wird wie wild, sieht die Wanderarbeiter aus Bangladesch und Indien nicht selten in der prallen Sonne auf dem Bürgersteig liegen. Gegen 151 Arbeitgeber sind Singapurs Behörden 2024 vorgegangen, die gegen Hitzevorschriften verstoßen hatten, gegen 62 im vergangenen Jahr. Kritiker sagen, dass auch ein wenig Schattenspenden nicht zur Regeneration reiche, es müssten gekühlte Ruheräume her. Nun soll ein neu gegründetes „Heat Resilience Policy Office“ die Regeln weiterentwickeln – und vor allem dafür sorgen, dass sie auch eingehalten werden, bevor es Hitzetote gibt.