Verbote und Bevormundung : Die ausgebrannte Autoindustrie
Der Wunsch nach individueller Mobilität steigt. Aber dem Auto wird Freiheit genommen. Und damit seinen verunsicherten Käufern auch. Das kann nicht gut gehen.
Zuletzt auch BMW: Stellenabbau, Abfindungen, alle Zeitarbeitskräfte verlieren ihre Perspektive, Reputationsschaden als Corporate Citizen. Hinter den in Watte gepackten Unternehmensmeldungen stehen knallharte berufliche Schicksale, der Gesellschaft kommen Erfahrung und Talent abhanden. Damit übrigens auch Steuerzahler, also jene, die den Laden zusammenhalten. Die deutsche Automobilindustrie hat im ersten Halbjahr 42.300 Beschäftigte verloren, der Rückgang ist so groß wie in keiner anderen Branche. Rund 691.500 Menschen sind dort noch beschäftigt, der niedrigste Stand seit zwanzig Jahren. Gegenüber dem Hoch von 834.000 im Jahr 2018 sind rund 142.500 Arbeitsplätze perdu.
Das Tempo des Niedergangs müsste hellhörig machen und zu Taten animieren. Oder ist eine Mischung aus Gewöhnung und Gleichgültigkeit eingetreten? Politisch galt lange, der sowieso immer jammernd antichambrierenden Industrie könne mit den Argumenten Umweltschutz und Sicherheit alles zugemutet werden – und wenn sich an der Zerstörung labende Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe zu Klagen aufschwangen, ernteten sie Applaus. Man muss das von 2035 an in der EU geltende Verbot, Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor zuzulassen, auch unter dieser Warte sehen.
Elektromobilität im perfekten Sturm
Der Beschäftigungsrückgang dauert schon seit 2019 an, er fällt aber nun viel stärker aus, als es die Transformation zur Elektromobilität hätte erwarten lassen, konstatiert das Center of Automotive Management der FH Bergisch Gladbach. Dessen Berechnungen sahen einen derart niedrigen Beschäftigungsstand erst bei einem Marktanteil der Elektroautos von 50 Prozent. Doch heute sind erst rund 25 Prozent Vollelektriker und elf Prozent Plug-in-Hybride, was angesichts der seit Jahren geleisteten Subvention über direkte Kaufprämien oder vergünstigte Dienstwagenbesteuerung eine rechte Pleite ist.
Der Gedanke eines perfekten Sturms liegt nahe. Chinesische Hersteller drängen mit Macht, Geld und Elan auf den Markt. Teure Energie, hohe Arbeitskosten, eine demotivierend große Schere zwischen Brutto- und Nettogehalt, erdrückende Regulatorik schwächen den Wirtschaftsstandort Deutschland. Als Unternehmer oder Vorstand gilt es zwar, auch aus schwierigen Bedingungen das Beste zu machen. Aber mit Fesseln rennt selbst der zupackendste Entrepreneur schlecht.
Das Auto nicht hassen lernen
Luca De Meo hatte einst als Vorstandsvorsitzender von Renault gesagt, man müsse aufpassen, dass die Leute das Auto nicht eines Tages hassten. Das klingt irritierend, weil der Wunsch nach individueller Mobilität entgegen allen Unkenrufen steigt. Aber vor der Entscheidung zum Neuwagen sind heute derart hohe Hürden aufgebaut, dass die Leute bei ihrem alten Eisen bleiben, das Durchschnittsalter des Bestands liegt längst jenseits von zehn Jahren.
Die Frage nach dem Antrieb ist überfordernd. Ebenso die zwangsweise installierten elektronischen Aufpasser, die jedem, der eine Probefahrt macht, mit ihrem Gebimmel und Gerüttel Lust und Nerven rauben. Die EU als Regelsetzer hat hier überzogen, die Unfallschutzgesellschaft Euro-NCAP über ihre an sich segensreiche Tätigkeit das Maß verloren.
China und die eigenen Webfehler
Zu den hausgemachten Schwierigkeiten gesellen sich geopolitische: Trumps erratisch wirkende Zölle. Chinas von langer Hand geplanter Zugriff auf Rohstoffe. Wird die Abhängigkeit von Akkus aus China wirklich so kritisch gesehen, kann die EU unmöglich am Verbrennerverbot festhalten. Nicht nur weil Europa mit der Elektromobilität langsamer als erhofft vorankommt. Nicht nur weil es ein bemerkenswertes Gefälle gibt zwischen nordischen Ländern auf der einen Seite und Süd- und Osteuropa auf der anderen. Sondern auch weil die Welt sich verändert hat und es womöglich dumm ist, noch mehr Kompetenz als ohnehin schon abwandern zu lassen. In einem Mercedes-Benz schlägt ein Vierzylinder aus China? Porsche wird zu CO₂-Pooling mit Xpeng gezwungen, um existenzbedrohenden Strafen zu entgehen? Wer hätte das gedacht?
Webfehler werden an praktischen Beispielen allgemein verständlich, hoffentlich auch für die Regierung Merz und EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen. So hat der Chef des japanischen Herstellers Mazda, der mit Elektrofahrzeugen bis 2030 etwa 25 bis 40 Prozent des Umsatzes erzielen wollte, seine Prognose auf 15 Prozent gesenkt – und will sich nun auch auf die Weiterentwicklung von Verbrennungsmotoren und Hybridantrieben konzentrieren.
Politisch sollte das im Interesse von Europas Konsumenten und Unternehmen nur eine Konsequenz haben: mehr Freiheit statt Bevormundung, mehr Offenheit statt Verbote, mehr Vertrauen in technischen Fortschritt statt Zwangsjacken.