Stadt-Land-Spannungsfeld : Der ländliche Raum verdient mehr Gehör

Die Erzählung vom abgehängten ländlichen Raum greift zu kurz. Unmut entsteht vor allem dort, wo politische Entscheidungen fernab der Lebensrealitäten getroffen werden. Höchste Zeit, dem ländlichen Raum mehr Beachtung zu schenken.

Der Frust der Menschen auf dem Land wird vielfach falsch gedeutet. Das pauschale Bild eines abgehängten und rückständigen ländlichen Raums verkennt die Wirklichkeit. Viele Regionen haben bei Wohnraum, Bildung oder Lebensqualität aufgeholt. Wer auf dem Land lebt, nimmt größere Wegstrecken oder ein kleineres Angebot in Kauf; Stadt und Land werden nie ganz gleich sein. Darum geht es den meisten Bürgern auch nicht. Der Ärger richtet sich vielmehr gegen politische Entscheidungen fernab der Lebensrealität und gegen den Eindruck, mit den eigentlichen Problemen kaum Gehör zu finden.

Dabei ist der ländliche Raum für Deutschland zentral. Dort lebt etwa die Hälfte der Bundesbürger auf rund neunzig Prozent der Landesfläche, knapp die Hälfte der Bruttowertschöpfung entsteht auf dem Land. Landwirte, Handwerker, Familienunternehmen und „Hidden Champions“ sind oft seit Generationen verwurzelt und sichern Arbeitsplätze. Wer das Land wie eine politische Nebenfläche behandelt, verkennt einen wesentlichen Teil der produktiven Basis der Republik. Und doch kreisen Debatten über den Wirtschaftsstandort oft um Metropolregionen und Großkonzerne.

Was Landbewohner stört, ist ein Staat, der den ländlichen Raum zur Durchführungsfläche andernorts gefällter Entscheidungen macht. Energiewende, Lebensmittelversorgung und Naturschutz ließen sich ohne das Land nicht stemmen. Diese Ziele bestreitet kaum jemand. Ministerien und Verbandszentralen sitzen jedoch in Städten und denken in urbanen Kategorien. Die Folgen spüren die Menschen auf dem Land in Form von Auflagen, Nachweispflichten und Investitionsrisiken mehr als andere.

Das Land spürt die Folgen politischer Entscheidungen

Besonders deutlich zeigt sich das in der Landwirtschaft. Plausible Erwartungen an Tierwohl, Klima- und Artenschutz ergeben in der Summe oft widersprüchliche Pflichtenkataloge. Die Gesellschaft ruft nach Tierwohl, der Konsument verlangt häufig den niedrigsten Preis. Bauern sollen investieren und zugleich wirtschaftlich standhalten. Der Bau neuer Gebäude hakt am Genehmigungs- und Emissionsrecht, praxisferne Bürokratie erschwert den Alltag. Das betrifft nicht nur Landwirte, sondern Unternehmer auf dem Land insgesamt, vom Bäcker bis zum Gastronomen.

Ähnlich ist es bei Energiewende und Naturschutz. Die Lasten liegen zu großen Teilen auf dem Land, wo Windparks und Solaranlagen entstehen. Die Regionen profitieren durchaus, tragen aber auch die Folgen. Beim Wolf zeigt sich ein ähnlicher Zielkonflikt. In urbanen Milieus gilt seine Rückkehr als Erfolg, in ländlichen Räumen bedeutet sie ein Risiko für die Weidetierhaltung, die gesellschaftlich gewünscht ist, aber praktisch an Grenzen stößt.

Gleichwohl haben sich Stadt und Land etwa hinsichtlich Konsum und Alltagsroutinen angenähert. Der Unmut vieler Landbewohner unterscheidet sich nicht unbedingt von dem städtischer Bürger, eine harte Stadt-Land-Spaltung wirkt oft herbeigeredet. Was vielerorts wächst, sind Beschwerden über einen Staat, der zu kleinteilig und fern vom Einzelfall eingreift. Es bräuchte wieder mehr Vertrauen, dass Menschen, die mit Kapital, Arbeit und Boden wirtschaften, wissen, was sie tun. Auf den Dörfern leben Pragmatiker, die sich zu helfen wissen und selbstbestimmt handeln wollen. Wer aber Misstrauen sät, wird kein Staatsvertrauen ernten.

Wo der ländliche Raum aufzuholen hat

Dennoch hat die Provinz aufzuholen und schafft das nicht überall aus eigener Kraft. Viele Regionen, besonders in Ostdeutschland, stehen vor erheblichen Strukturproblemen. Sie brauchen eine funktionierende Infrastruktur, Planungssicherheit und schnellere Verfahren. Nötig wären auch weniger Bürokratie, praktikable Gesetze sowie eine zielgerichtete Regional- und Förderpolitik.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) will die Problematik mit einer „Heimatagenda“ angehen: weniger Bürokratie, mehr Freiheiten, mehr Zuhören vor Ort. Daran wird er sich messen lassen müssen. Umgekehrt dürfen es sich auch Landbewohner nicht zu einfach machen. Mitunter verkürzen sie komplexe Debatten, scheuen Reformen, beschimpfen Regierungsparteien pauschal, liefern aber kaum Lösungsvorschläge. Auch Lobbypolitik, etwa in der Landwirtschaft, hat Vertrauen untergraben. Wer Gehör will, muss Dialog suchen. Wie die Städte das Umland brauchen, braucht das Land die Städte.

Im September wählen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern neue Landtage. In beiden Ländern führt die AfD in Umfragen. Das ist ein Indiz für die Folgen einer Politik, die diese Räume lange als nachgeordnete Vollzugsfläche behandelt hat. Es wäre Zeit, das zu ändern.