Krise der Möbelindustrie : Ikea senkt die Preise, um die Nachfrage anzukurbeln
Der Möbelriese will mitunter an Verpackungskosten sparen, um niedrige Preise zu kompensieren. Die deutschen Hersteller von Küchen, Schränken und Bürostühlen leiden stark – auch weil Urlaub vorgeht.
Das schwache Konsumklima und zurückhaltende Verbraucher, hohe Material-, Energie- und Lohnkosten, stockender Wohnungsbau und mehr Druck durch Importe aus Asien: Die deutsche Möbelindustrie ächzt unter den schwierigen Rahmenbedingungen. In den vergangenen vier Jahren haben die Hersteller von Küchen, Schränken, Betten oder Bürostühlen ein Fünftel ihrer Umsätze eingebüßt. Das teilte der Verband der Möbelindustrie (VDM) am Dienstag mit.
Der Umsatzrückgang ist auch deshalb bemerkenswert, weil auch in der Möbelbranche die Preise in den letzten Jahren gestiegen sind. Vor allem die höheren Energiekosten aufgrund des russischen Angriffskriegs haben die Lage volatiler werden lassen: viele Vorprodukte sind teurer geworden, der VDM-Präsident Jan Kurth geht davon aus, dass die Hersteller „sicherlich zehn bis 15 Prozent Preissteigerungen in der Produktion“ hinzurechnen müssten. „Das kann sicherlich nicht alles weitergegeben werden“, sagte Kurth. Also müssten viele Möbelproduzenten schauen, was sie kompensieren könnten.
Wie angespannt die Lage ist, zeigt sich darin, dass selbst die größten Spieler im Markt reagieren müssen. So kündigte der schwedische Möbelhändler Ikea am Dienstag an, die Nachfrage mit Preissenkungen ankurbeln zu wollen. In Deutschland, dem wichtigsten Markt, seien Preise für mehr als 1500 Produkte gesenkt worden. „Die Lebenshaltungskosten steigen, und es wird für viele Menschen immer schwieriger“, sagte Juvencio Maeztu, Chef von Ingka. Die niederländische Holding ist der weltweit größte Ikea-Franchisenehmer. 1,2 Milliarden Euro wolle Ikea an anderer Stelle sparen, um das kompensieren zu können. Die Pax-Kleiderschränke sehen anders aus, was die Verpackungskosten um 70 Prozent reduziert habe. Stärkere Automatisierung und ein höherer Anteil an erneuerbaren Energien helfe auch dabei, die Kosten zu senken.
Dreimal so viel für Reisen wie für Möbel ausgegeben
Solche Größeneffekte können nur die wenigsten Unternehmen aus der deutschen Möbelindustrie nutzen, die Branche ist tendenziell mittelständisch geprägt und steht großen Einkaufsgemeinschaften und riesigen Handelsketten wie Ikea oder XXXLutz gegenüber. VDM-Präsident Kurth sieht aber auch für seine Mitglieder, dass es immer schwieriger sei, zu planen. „Die Menschen in Deutschland halten das Geld momentan eher zurück“, sagte Kurth. Oder geben das Geld für anderes aus: So wurde im vergangenen Jahr dreimal so viel für Reisen ausgegeben, wie für Möbel.
Angesichts der hohen Temperaturen sei es für die Möbelindustrie „herausfordernd“ gewesen, den Sommer zu überstehen, sagte Kurth. Traditionell sind die Frequenzen im Sommer in den Möbelgeschäften geringer, in diesem Jahr waren sie aber besonders schlecht besucht. Die Industrie hofft mit dem Herbst auf eine Belebung, rechnet aber für das Gesamtjahr gleichwohl mit einem Erlösrückgang um drei Prozent, was etwa einem Branchenumsatz von 15,3 Milliarden Euro entspräche.
Im ersten Halbjahr setzten die deutschen Möbelhersteller rund 7,7 Milliarden Euro um, was einem Rückgang von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Besonders schwach waren die Geschäfte in der Heimat, wo der Umsatz um 4,1 Prozent auf rund fünf Milliarden Euro zurückging.
Fast jede zweite Küche geht schon ins Ausland
Dadurch wiederum ist die Exportquote der Hersteller gestiegen, sie beträgt inzwischen 35,2 Prozent. Vor allem die deutschen Küchenhersteller stechen hervor, sie haben einen Exportanteil von 47 Prozent. Die Küchenindustrie ist der größte Bereich in der deutschen Möbelindustrie. „Fast jede zweite Küche wird ins Ausland geliefert, das zeigt die Stärke der Industrie“, sagte VDM-Präsident Kurth. Die Küchenmöbelhersteller waren auch die Einzigen, die ihre Erlöse im ersten Halbjahr leicht steigern konnten, für alle anderen Segmente ging es bergab. Die Polstermöbelproduzenten büßten gar zehn Prozent ihrer Umsätze ein.
In den Verbänden der Möbelindustrie sind aktuell 374 Unternehmen mit jeweils mehr als 50 Beschäftigten organisiert. Die Zahl der Betriebe ist seit 2019 um ein Fünftel gesunken. Im ersten Halbjahr sank die Zahl der Beschäftigten im Schnitt um 5,3 Prozent auf etwas mehr als 65.000. Vor sieben Jahren waren es noch fast ein Viertel mehr. In der Vergangenheit hatte es einige Geschäftsaufgaben und Insolvenzen gegeben, darunter bekannte Marken wie Domo Collection oder Interlübke. Als Insolvenzwelle will Kurth das aber nicht verstanden wissen: „Die Möbelindustrie ist keine Branche, die wegstirbt.“ Die Insolvenzrate liege im Vergleich zum restlichen verarbeitenden Gewerbe im Durchschnitt. „Wir sind als Branche nicht riesig groß und da fällt jede Insolvenz stärker auf“, sagte Kurth. „Aber die Konsolidierung ist da, es gibt Unternehmen, die den Kosten- oder Margendruck nicht schaffen.“
Importdruck aus China steigt
Zunehmend Druck spürt die Möbelindustrie auch durch Importe. Inzwischen kommen rund 60 Prozent der in Deutschland verkauften Möbel aus dem Ausland, im Jahr 2019 betrug der Importanteil noch 44 Prozent. China und Polen, die mit Abstand wichtigsten Einfuhrländer, stehen für fast zwei Drittel der Importe, mit jeweils mehr als 1,5 Milliarden Euro Anteil in den ersten sechs Monaten des Jahres. Vor allem die Einfuhren aus Asien nehmen zu: Zwischen 2017 und 2025 legten die Möbeleinfuhren aus China und Vietnam um 81 Prozent zu.
„Das ist kein Spiel mit gleichen Voraussetzungen“, sagte VDM-Präsident Kurth. „China lenkt Produktion und Exporte, insbesondere seit Amerika als Absatzmarkt eingeschränkt ist. Es ist jetzt an der Zeit über allgemeine Schutzzölle zu diskutieren.“ Die Importquote in der Möbelbranche sei schließlich auf ähnlichem Niveau wie in der Autoindustrie. Vergeltung fürchtet der Branchenvertreter indes nicht. Die Ausfuhren nach Asien seien ohnehin gering.
Und die Abhängigkeit in den Vorprodukten der deutschen Möbelhersteller ist überschaubar. „Wir haben eine stark auf Europa ausgerichtete Wertschöpfungskette. Es gibt vielleicht die eine oder andere Spezialität im Bereich von Metallteilen, aber da gibt es auch andere Lieferanten“, sagte Kurth. In den vergangenen Jahren habe die Sicherung der Lieferketten an Bedeutung gewonnen und der Gedanke, sich europäisch absichern zu können. Eine genaue Quote der Zollforderung machte der Verbandspräsident am Dienstag nicht. Dazu sei es noch zu früh in der Diskussion mit der Politik.