Kampf um die Commerzbank : Eine Übernahme, die es so nicht geben dürfte

Die Übernahme der Commerzbank wird immer wahrscheinlicher. Diese Transaktion wird aus den falschen Gründen in die Geschichtsbücher eingehen.

Andrea Orcel hat das Ziel vor Augen. Geht alles nach Plan, dann wird die italienische Großbank Unicredit die Commerzbank in einigen Monaten übernehmen können. Eine Mehrheit ist praktisch gesichert, der Widerstand von Regierung und Zielunternehmen aufgegeben. Die Mission ist dann erfüllt, die Umstände aber sind absurd. Alle Beteiligten werden sich am Ende dieses Prozesses fragen müssen, ob sie ihrer jeweiligen Verantwortung auch nur annähernd gerecht geworden sind. Zweifel sind angebracht.

Der Staat ist ein denkbar schlechter Unternehmer. Längst hätte er aus der Commerzbank aussteigen müssen, die er vor fast zwei Jahrzehnten in der Finanzkrise vor dem Umfallen bewahrt hatte. Politisch motivierte Finanzminister haben sich über Jahre hinweg nicht getraut, die Beteiligung abzugeben, weil der Aktienkurs einer schlecht geführten Bank ein jämmerliches Bild abgab. Das traditionsreiche Institut aber ist ein privatwirtschaftlich geführtes, an der Börse notiertes und seit Jahren nicht mehr einsturzgefährdetes Unternehmen. Die Staatsbeteiligung ist wettbewerbsverzerrend und gehörte längst verkauft. Die Bundesregierung hatte ausreichend Zeit, den Verkauf vorzubereiten. Stattdessen dilettierte sich die Regierung in jener Septembernacht vor zwei Jahren um Kopf und Kragen. Der Verkauf eines ersten Aktienpakets von 4,5 Prozent ging allein an die italienische Unicredit. Alle waren überrascht, keiner wollte es gewesen sein, niemand übernahm Verantwortung.

Zweifelhafte Rolle

Welche Rolle dabei die international agierende Wall-Street-Bank Goldman Sachs spielte, ist bis heute nicht ganz aufgeklärt. Die Finanzmarktprofis agierten zwischenzeitlich mit einem „Defense-Mandat“, waren also mit der Verteidigung der Commerzbank betraut – und waren doch anfangs auch für die Bundesregierung beim Verkauf involviert. Chinese Walls ohne Absprachen? So sollte es sein. Ein Bärendienst in Sachen Vertrauensbildung in der hochbezahlten Finanzindustrie? Nicht ganz von der Hand zu weisen.

Vielleicht das größte Rätsel gibt die Commerzbank selbst auf. Bettina Orlopp hat in den vergangenen zwei Jahren eine Herkulesaufgabe gestemmt. Die nüchtern und analytisch vorgehende Commerzbank-Chefin hat das getan, was von ihr verlangt war: Wert schaffen. Die Commerzbank steht saniert so gut da wie noch nie. Das Aufwands-Ertrag-Verhältnis ist gesunken, die Bank erwirtschaftet Rekordgewinne. Der Aktienkurs hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Die Bank ist wieder gut in Form – auch dank des Übernahmedrucks.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann ein größerer Wettbewerber die Fühler ausstreckt, um sich selbst stärken zu wollen. Europa ist ein zersplitterter Bankenmarkt mit viel zu vielen Wettbewerbern. Der Fusionsdruck ist groß. Wieso nur hatte die Commerzbank keinen Plan für den Fall des Übernahmeversuchs in der Schublade? Wieso hat es auch im Verlauf keine legitimen Maßnahmen gegeben, eine Übernahme zumindest zu erschweren? Eine Kapitalerhöhung hätte einen solchen Effekt ebenso gehabt wie der Kauf eines großen Vermögensverwalters. Stattdessen konzentrierte sich die Bank auf die eigenständige Abwehr mit sich selbst. Honorig, ganz sicher, doch wenig erfolgversprechend von Beginn an und am Ende auch gescheitert.

Zielstrebigkeit als Tugend

Wenig Meriten hat sich auch Andrea Orcel erworben. Ohne eine gewisse Zielstrebigkeit machen die wenigsten Mitarbeiter Karriere. Der gewiefte Investmentbanker Orcel versteht bis heute nicht, warum seine Übernahmeavancen als feindlich eingestuft werden. Über Stil lässt sich durchaus streiten. Unstrittig ist aber, dass die Übernahme nun für Unicredit viel teurer wird als angenommen. Hätte Orcel beizeiten schon ein Übernahmeangebot mit einer satten Prämie vorgelegt, hätte er sich viele Diskussionen, Anfeindungen und Geld gespart. Inzwischen notieren die Commerzbank-Aktien bei über 40 Euro.

Sollte die Commerzbank-Übernahme im vorhersehbaren zeitlichen Rahmen ablaufen, dann werden fast drei Jahre vergangen sein, bis Vollzug gemeldet werden kann. Das ist eine Hängepartie für Mitarbeiter, Kunden und Anteilseigner. Die mühsame Zeit der Integration wird dann sogar erst beginnen. Unicredit und Commerzbank werden sehr lange mit sich selbst beschäftigt sein.

Die Bundesregierung kann diesem teils irrlichternden Prozess jetzt zum Schluss wenigstens noch ein positives Momentum geben: Die Kraft der zwölfprozentigen Staatsbeteiligung für Zusagen zum Arbeitsplatzerhalt oder für Standortgarantien nutzen. Dann muss der Staat endgültig aus der Commerzbank raus.