Hitzewelle in Deutschland : Warum Köln als Vorreiter beim Hitzeschutz gilt

Die Hitze wird zur tödlichen Gefahr, 2026 starben schon fast zehntausend Menschen daran. Köln gilt als ein Vorreiter, wenn es darum geht, für ein bisschen Abkühlung zu sorgen – mit Tüchern, Telefon und winzigen Tropfen.

Dieses Jahr hat die Hitze laut dem Robert Koch-Institut bereits 7900 Menschenleben in Deutschland gekostet – ein Rekord. Vor allem in Großstädten wird es teilweise unerträglich heiß. Asphalt und Glasgebäude strahlen Hitze ab, es gibt wenig Grün, und Schatten ist spärlich. Besonders alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind dadurch gefährdet: „Im Alter lässt der Durst nach“, erklärt Barbara Grüne, Ärztin des Gesundheitsamtes Köln. „Alte Menschen dehydrieren daher schneller, und ihre körperliche Anpassungsfähigkeit an Hitze schwindet.“ Gleichwohl seien auch viele andere Gruppen von der Extremhitze betroffen, sagt sie. „Kleine Kinder, Schwangere, Obdachlose, Menschen, die im Freien arbeiten, und schließlich auch den Büroangestellten treffen die Temperaturen hart.

Dass niemand vor den Konsequenzen der Hitze sicher sei, spiegele sich im Gesundheitssystem wider. „Die Krankenhäuser und Ambulanzen laufen voll, der Rettungsdienst stößt an seine Grenzen“, bestätigt Grüne. Die Kosten fürs Gesundheitssystem gehen dadurch in die Höhe: Dem Hamburg Center for Health Economics zufolge verursachen extreme Temperaturen einen messbaren Anstieg notfallbedingter Krankenhausaufnahmen, welche allein in Deutschland Mehrkosten von rund 152 Millionen Euro jährlich verursachen – gemessen im Jahr 2024, als die höchste Temperatur bei 36,5 Grad Celsius lag. Der Hitzerekord 2026 liegt, Stand jetzt, bereits rund fünf Grad höher, nämlich bei 41,8 Grad Celsius.

Milliardenschaden: Was Hitze die Wirtschaft kostet

Die Folgen der Hitze enden nicht an der Krankenhaustür. Was das Gesundheitssystem an Kapazitäten verliert, verliert die Wirtschaft an Produktivität, und der Schaden kann beziffert werden. Laut der Allianz-Studie „Too Hot to Grow“ könnte Deutschlands Wirtschaftsleistung allein durch anhaltende Hitzestress-Episoden zwischen 2026 und 2030 kumuliert um bis zu 115 Milliarden Euro sinken.

Laut Hazem Krichene, Ökonom bei der Allianz und Verfasser der Studie, sei dies maßgeblich auf sinkende Arbeitsproduktivität während Hitzewellen zurückzuführen. Steigende Temperaturen sind dabei nicht per se negativ: Bis zu 30 Grad Außentemperatur gehen sie sogar mit Produktivitätssteigerungen und höheren Unternehmensgewinnen einher. Ab dieser Schwelle wird es jedoch kritisch. Jeder weitere Hitzegrad senke die Produktion pro Arbeitsstunde um rund 1,14 Euro.

Menschen, die im Freien arbeiten, sind von der Hitze direkt und am stärksten betroffen, doch auch Büroangestellte leiden: „Die meisten Menschen schlafen schlechter und sind durch die Hitze erschöpfter“ meint Krichene „Darunter leidet die Konzentration und letztlich auch die Produktivität.“ Zudem stelle der Wechsel zwischen stark klimatisierten Büros und der Hitze draußen eine „akute Belastung für das Herz-Kreislauf-System“ dar, erklärt Grüne. Auch das habe Einfluss auf die Produktivität. Global solle der Anteil der durch Hitzestress verlorenen Arbeitsstunden von 1,4 Prozent im Jahr 1995 auf 2,2 Prozent im Jahr 2030 steigen.

Köln versucht, mit innovativen Maßnahmen kurzfristig gegen die Hitze anzukommen

Kommunen sind gezwungen, zu handeln – und könnten sich bei der Stadt Köln Ideeninspiration holen: Die Stadt gilt als ein deutscher Vorreiter im Thema Hitzeschutz. Ganz freiwillig war diese Entwicklung allerdings nicht. Wie viele andere Millionenstädte leidet Köln besonders unter dem
„Urban-Heat-Island-Effekt“, erklärt Nils Eingrüber vom geographischen Institut der Universität zu Köln. Gebäude und asphaltierte Flächen wirken wie riesige Akkus: Sie speichern die Hitze tagsüber und geben sie nachts kaum ab. Das Stadtklima erwärmt sich dadurch kontinuierlich. Hinzu kommt die geographische Lage. Köln liegt in der Kölner Bucht, einem Talkessel, der warmen Luftmassen ausgesetzt ist. Die Temperaturen liegen bis zu elf Grad höher als im ländlichen Umland. Diese Umstände zwangen Köln dazu, zu handeln. Im Januar 2019 rief die Stadt den Hitzeaktionsplan ins Leben, der aus 36 Maßnahmen besteht, um den Kölnern bei hohen Temperaturen das Leben zu erleichtern.

Eine davon ist das Hitzetelefon: Bürger, hauptsächlich höheren Alters, registrieren sich und es folgt ein „medizinisch ausgerichtetes Beratungsgespräch vor dem Hintergrund individueller Vorerkrankungen und der persönlichen Lebenssituation“. Auf Wunsch warnt die Stadt auch über das Hitzetelefon vor kommenden Hitzewellen. Das Hitzetelefon sei ein voller Erfolg: „Wir haben in diesem Jahr einen sehr guten Zulauf von über 4000 Personen, die sich gemeldet haben.“ Wie viel die Maßnahme tatsächlich bewirkt, lässt sich kaum messen. Die Resonanz der Bürger sei jedoch durchaus positiv, auch weil der Anruf eine Art sozialen Kontakt biete, der vielen älteren Menschen an heißen Tagen fehle.

Nicht nur die Stadtverwaltung wird bei Hitze aktiv. Auf dem Kölner Hitzeportal findet sich die digitale Karte „Kühle Orte in Köln“, im Kern ein Bürgerprojekt, erklärt Barbara Grüne. Mit der interaktiven Karte können „Bürgerinnen und Bürger kühle Orte im Stadtgebiet eintragen, mit einem Foto und einer kurzen Beschreibung, wo man es gut aushalten kann bei Hitze“. Andere können wiederum darauf zugreifen und sich inspirieren lassen, an welchen ausgefallenen Orten sie sich abkühlen können. „Der ein oder andere kommt darüber vielleicht auf die Idee, sich in einer Kirche abzukühlen“, sagt Grüne. Schon 306 Orte haben die Kölner in und um Köln eingetragen.

An besonders heißen Tagen versprüht die Stadt außerdem gemeinsam mit dem Energieversorger Rheinenergie unter dem Namen „Cooling Cologne“ feinen Wassernebel auf zentralen Plätzen wie dem Chlodwigplatz oder dem Rudolfplatz. Yvonne Wieczorrek vom Klimawandelanpassungsmanagement der Stadt Köln ist überzeugt: „Man merkt tatsächlich, dass im direkten Umfeld die Temperatur um zehn Grad sinkt.“ Patschnass werde man durch den feinen Sprühnebel aber nicht.„Es kommen Familien mit Kindern, Radfahrer, Passanten, Menschen mit dem Hund, die kurz innehalten und sich auf dem Weg durch die Innenstadt abkühlen“, berichtet Wieczorrek.

Auch beim Shoppen in der Kölner Hohe Straße, Deutschlands meistfrequentierter Einkaufsstraße und Hitzehotspot, sind die Kölner nicht der prallen Sonne ausgesetzt. Für ein Forschungsprojekt der Universität zu Köln hängen seit zwei Sommern weiße Tücher über der Fußgängerzone. Sie sollen an Orten für Abkühlung sorgen, wo es durch die
intensive Nutzung „gar keinen Platz für Bäume oder Entsiegelung“ gibt, erklärt Nils Eingrüber. Anders als geschlossene Sonnensegel lassen die Tücher bewusst Lücken – sonst staue sich die Hitze wie unter einem Deckel über der Stadt. Gemessen über 180 Wetterstationen, zeige die Maßnahme einen Effekt von zwei bis drei Grad Celsius am Nachmittag; bei Windstille lasse sich die Temperatur durch die Tücher sogar um fünf Grad senken.

Das klingt zunächst wenig, ob es 41 oder 43 Grad sind, ist im Zweifel einerlei. Doch die „gefühlte Temperatur sinkt unterhalb der Verschattung an extrem heißen und windstillen Tagen zu einzelnen Stunden sogar um bis zu elf Grad Celsius“. Der Unterschied zwischen 43 und gefühlten 32 Grad ist dann doch beträchtlich. Zudem ist diese Maßnahme günstig: Die Tücher bestehen aus handelsüblichen Materialien, die „theoretisch jeder im Baumarkt kaufen kann“. Eingrüber gibt allerdings zu bedenken, dass nicht alle Menschen ohne Weiteres bei Hitze Tücher vor ihr Einfamilienhaus hängen können: „Der Brandschutz ist ein Hindernis“, sagt er. „Bevor man die Tücher aufhängt, muss man Genehmigungen einholen.“ Und die können in Deutschland ihre Zeit brauchen.

Parallel dazu simuliert Lauren Gülker im Rahmen ihrer Masterarbeit mit 3D-Stadtklimamodellen das Kölner Mikroklima, um die Kühleffekte weiterer Maßnahmen wie Wasserversprühung oder Fassadenbegrünung zu vergleichen. „Ziel ist es, daraus Handlungsempfehlungen für noch wirksamere Strategien zu entwickeln“, so Gülker. Eine Lösung für das Hitzeproblem ist all das nicht – aber zumindest eine kleine Linderung.