EU-System EES : Die Luftfahrt warnt vor neuem Wartechaos an Flughäfen
Neue Technik soll Grenzkontrollen an Flughäfen verbessern. Doch Airlines beklagen lange Wartezeiten für Passagiere ohne EU-Pass. Nun sind Sonderregeln zum Systemstart ausgelaufen. Die Sorge vor Schlangen wächst.
Der Besuch in Europa beginnt in der Warteschlange. Nicht-EU-Bürger müssen an Flughäfen erst das neue Entry-Exit-System (EES) nutzen. Doch das hat sich zum Ärgernis entwickelt. In der Spitze sollen Passagiere zwei Stunden angestanden haben, bevor sie den Flughafen verlassen durften. Nun warnen Fluggesellschaften und Flughäfen vor mehr Chaos. Bislang hätten Ausnahmen, mit denen das neue System partiell außer Kraft gesetzt wurde, Schlimmeres verhindert. Doch die Sonderregelungen sind mit Beginn dieser Woche ausgelaufen.
Der Billigflieger Ryanair legte daher am Montag mit Kritik nach. „Der Umgang der EU mit EES war von Anfang bis Ende ein einziges Desaster“, sagte der für das operative Geschäft zuständige Ryanair-Vorstand Neal McMahon. Schon zum Start des Systems habe es Warnungen gegeben, die seien „ignoriert“ worden. Einziger Ausweg aus seiner Sicht: Ausnahmeregelungen müssen bis mindestens April 2027 verlängert werden – in der Hoffnung, dass EES dann schneller und zuverlässiger arbeite. McMahon spricht schon von einer „gescheiterten Einführung“ durch die EU. Lars Redeligx, Präsident des Luftfahrtverbands BDL und Chef des Düsseldorfer Flughafens, urteilte jüngst in der F.A.Z. über das Ende der Ausnahmeregeln: „Das geht nicht. Sie werden noch gebraucht; wie sonst Airlines, Flughäfen und Fluggäste massiv leiden, wenn das System nicht effizient funktioniert.“
Die Liste der Kritikpunkte ist lang: EES-Terminals funktionierten nicht immer, die Erstregistrierung mit Erfassung biometrischer Merkmale dauere lange, es fehle helfendes Personal. Eine EES-App, mit der Reisende Formalitäten vorab am Smartphone erledigen können, gebe es noch nicht. Nach jüngsten Angaben des Bundesinnenministeriums bereiten Bundespolizei und EU-Grenzschutzagentur Frontex einen App-Start vor. Deutsche Praxistests soll es noch in diesem Jahr geben, eine EU-weite App-Einführung ist 2027 vorgesehen.
Irreguläre Aufenthalte schneller feststellen
Das neue System, das Außengrenzen besser schützen soll, wurde ab Herbst 2025 schrittweise eingeführt. Seit April ist es bei der Einreise Pflicht – eigentlich. Dort, wo Schlangen zu lang wurden, griff man bislang zu Ausnahmen. Dabei soll EES mehr können, als Pässe zu kontrollieren. Da biometrische Daten mit Datenbanken abgeglichen werden und EES auch bei der Ausreise genutzt werden muss, sollen irreguläre Aufenthalte leichter aufgespürt werden, bei denen Personen länger als erlaubt bleiben oder gefälschte Identitäten nutzen.
Die EU-Kommission hatte sich insgesamt zufrieden mit dem EES-Start gezeigt, einen Stopp des Systems lehnte sie ab. Den fordert allerdings auch der Weltflugverband IATA nicht. Thomas Reynaert, zuständiger IATA-Vertreter für Außenbeziehungen, bekräftigte, dass Fluggesellschaften keineswegs eine grundsätzliche Revision verlangten. Die Ausnahmen müssten aber vorerst bleiben.
Für Flughäfen ist die EES-Warterei ein Ärgernis. Schlangen an Sicherheitskontrollen wurden erfolgreich bekämpft, da staut es sich an anderer Stelle. Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt hat bestätigt, dass dort Reisende teils bis zu 90 Minuten warten mussten. Dass die öffentliche Erregung bislang leiser ausfiel, dürfte damit zu tun haben, dass Deutsche an den EES-Schlangen vorbeigehen dürfen. Das System betrifft nur Reisende, die keinen Pass aus einem EU-Staat haben.
Während im Sommer Einheimische, die EES nicht nutzen mussten, in den Urlaub geflogen sind, richten sich die Branchensorgen auf die Hochphase des Fernstreckenverkehrs mit Geschäftsreisenden im Herbst. Dabei geht es auch um Passagiere, die mit einem Interkontinentalflug ankommen, mit einem innereuropäischen Flug weiterreisen wollen, dazwischen aber die Kontrolle passieren müssen – und möglicherweise Anschlüsse verpassen. Die IATA hat zudem auf Probleme mit Flügen zwischen der EU und Großbritannien hingewiesen: Im April sollen auf einem Easyjet-Flug von Mailand aus mehr als 100 Plätze leer geblieben sein, da die Passagiere nicht rechtzeitig durch die Kontrolle gekommen waren.