Abgehängter Pharmariese : Sanofi auf der Suche nach der Super-Innovation

Belén Garijo hat deutlich gemacht, dass unter ihrer Führung bei Sanofi ein neuer Wind weht. Die Erwartungen sind groß, die Konkurrenz aber enteilt.

Die Weichen für eine neue Phase bei Sanofi sind gestellt. Vor wenigen Tagen teilte der französische Pharmakonzern mit, die Entwicklung des Mittels Amlitelimab gegen atopische Dermatitis einzustellen. Diese Entscheidung erfolge „im Rahmen einer laufenden strategischen Bewertung des Entwicklungsportfolios“, erklärte Sanofi. Die bislang gewonnenen Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit hätten nicht für eine weitere Entwicklung gesprochen.

Die Entwicklung von Medikamenten mangels Wirksamkeit einzustellen, ist bei Pharmaherstellern Usus, auch bei Sanofi. Dennoch lässt die jüngste Entscheidung aufhorchen, zumal die Franzosen im Juni schon die entscheidende Phase-3-Studie für das Medikament Riliprubart bei Patienten mit einer seltenen Nervenkrankheit abgebrochen haben. Beide Schritte lassen darauf schließen, dass die seit Anfang Mai amtierende Vorstandsvorsitzende Belén Garijo die Innovationspipeline grundlegend auf den Prüfstand stellt – und zugleich Ressourcen für mögliche größere Übernahmen verwenden will.

Personalpolitisch hat die von Merck kommende Spanierin bereits deutlich gemacht, dass unter ihrer Führung ein neuer Wind weht. Sie hat zum September hin eine Verkleinerung des Vorstands angekündigt, mit der es auch neue Zuständigkeiten gibt. Wichtigste Änderung ist der Wechsel der Spitze der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Houman Ashrafian wird den Konzern verlassen. Sein Nachfolger Paulo Fontoura war bislang medizinischer Leiter des US-Biotechunternehmens Xaira Therapeutics. Zuvor war der Facharzt für Neurologie und medizinische Wissenschaftler mehr als 15 Jahre beim Schweizer Pharmakonzern Roche tätig.

„Uns bleiben fünf entscheidende Jahre“

Sanofi werde „sein nächstes strategisches Kapitel“ vorbereiten, hieß es bei Bekanntgabe der Personalwechsel. Es habe bislang eine Tendenz zum Silodenken gegeben, heißt es im Konzernumfeld. Zudem müsse man das Augenmerk noch stärker auf die zwei Hauptwachstumsmärkte China und USA richten. Dazu passt, dass das Vorstandsmitglied Thomas Triomphe zusätzlich zu seiner Rolle als Leiter des Impfstoff-Geschäfts künftig die Verantwortung für China übernehmen soll, wofür explizit bislang niemand im Vorstand zuständig war.

Klar ist: Sanofi steht massiv unter Druck, sich entweder durch eigene Entwicklungen oder durch die Akquisition innovativer junger Biotechunternehmen langfristige Wachstumschancen zu erschließen. Das zur Behandlung von Asthma und Neurodermitis verwendete Medikament Dupixent ist derzeit der einzig große Wachstumstreiber der Franzosen, und in fünf Jahren läuft das Patent aus. „Uns bleiben fünf entscheidende Jahre, um die Zukunft von Sanofi zu gestalten“, hatte Verwaltungsratspräsident Frédéric Oudéa nach der Entlassung von Garijos Vorgänger Paul Hudson erklärt.

Nicht nur Konkurrent Roche, sondern auch Novartis, Astra-Zeneca und Novo Nordisk sind Sanofi enteilt. Ihre Börsenwerte liegen derzeit zwei- bis dreimal so hoch wie die rund 90 Milliarden Euro der Franzosen (siehe Grafik), ganz zu schweigen von den US-Wettbewerbern Johnson & Johnson (560 Milliarden Euro) und Eli Lilly (940 Milliarden Euro).

Noch ist es aus Sicht der Analysten zu früh für eine erste Bilanz von Garijos Wirken bei Sanofi. Die am Donnerstag aktualisierte Prognose der Geschäftsführung lässt gleichwohl mehr Wachstum in der kurzen und mittleren Frist erwarten. So geht Sanofi bei konstanten Wechselkursen nun von etwa zehn Prozent Umsatzplus in diesem Jahr aus, nachdem bisher nur ein hohes einstelliges prozentuales Wachstum erwartet wurde. Das Ergebnis je Aktie soll noch etwas stärker zulegen als der Umsatz.

Anleger zeigten sich davon allerdings überhaupt nicht begeistert. Der Aktienkurs von Sanofi gab am Donnerstag in den ersten Handelsstunden um mehr als fünf Prozent nach. Im zweiten Quartal war der Konzernumsatz auf vergleichbarer Basis um rund 17,8 Prozent auf 11,6 Milliarden Euro gewachsen, teilte die Geschäftsführung am Donnerstag weiter mit. Dupixent war mit einem Plus von 37,6 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro Umsatz einmal mehr der Wachstumstreiber schlechthin.