An der Zapfsäule : Die hohen Dieselpreise sind ein Fall für die Wettbewerbspolitik

Jenseits des Tankrabatts wird der Kraftstoff an der Tanksäule schnell teurer, aber nur sehr langsam billiger – zulasten der Kunden. Deutschland steht dabei in Europa besonders schlecht da.

Die öffentliche Aufregung ist groß über die Frage, ob und inwieweit die Mineralölkonzerne die Steuersenkung des Tankrabatts an die Verbraucher weitergeben. Es könnte wie im Frühjahr enden, dass das Gros der Steuersenkung beim Kunden ankommt. Das größere Problem am Kraftstoffmarkt aber ist, dass die Konzerne höhere Ölpreise in der Regel schnell und umfassend, niedrige Ölpreise aber nur sehr langsam und nur zum Teil an die Kunden weiterreichen. In der Wissenschaft ist das als Raketen-Feder-Effekt bekannt: Mit höherem Ölpreis steigen die Preise für Benzin und Diesel rasant wie eine Rakete, mit sinkendem Ölpreis sinken sie langsam wie eine Feder. Deshalb haben Kunden an den Zapfsäulen den Eindruck, dass sie ausgenommen werden.

Drei Ökonomen um Tomaso Duso, den Vorsitzenden der Monopolkommission, haben nun in einer Studie aufgezeigt, dass dieser Eindruck von den Fakten gedeckt ist. Deutschland steht in dem Vergleich unter 26 Staaten der Europäischen Union besonders schlecht da. Die Studie liegt der F.A.Z. exklusiv vor und wird an diesem Montag in der Fachzeitschrift „Wirtschaftsdienst“ veröffentlicht.

Die Autoren, neben Duso sind das Ferdinand Fichtner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin und Sebastian Oschmann von der Monopolkommission, plädieren für mehr Wettbewerb, um die asymmetrischen Preisanpassungen zulasten der Kunden einzufangen. Auf Eingriffe in die freie Preisbildung durch Tankrabatte, Preisdeckel oder Übergewinnsteuern sei zu verzichten. Sie würden die asymmetrischen Preisanpassungen nicht beseitigen und nur vorübergehend überdecken.

Steigt der Ölpreis gemäß der Untersuchung um 10 Euro je Barrel (zu 159 Liter), steigt der Dieselpreis binnen zwölf Wochen um 10 Cent je Liter. Sinkt der Ölpreis um 10 Euro je Barrel, sinkt der Dieselpreis nur um 7,5 Cent. Damit steigen die Dieselpreise stärker, als es der höhere Ölpreis rechtfertigen würde. „In Zeiten steigender Ölpreise gibt es Mitnahmeeffekte für die Unternehmen“, sagte Fichtner von der HTW.

Belegt ist auch eine scharfe Asymmetrie in der Anpassungsgeschwindigkeit. Es dauert nur zwei Wochen, bis die Mineralölkonzerne höhere Ölpreise zu 90 Prozent an die Dieselkunden weitergegeben haben. Sinkt der Ölpreis dagegen, dauert es neun Wochen, bis 90 Prozent der Preissenkung an den Zapfsäulen angekommen sind.

Die Benzinpreise zeigen ähnliche, aber weniger starke Reaktionen auf Veränderungen des Rohölpreises. Die Studie basiert auf Preisdaten aus den Jahren 2005 bis 2025 und deckt 26 EU-Staaten ab. In allen Ländern gibt es die asymmetrischen Preisanpassungen, in Deutschland fallen sie für Diesel aber viel stärker aus als in den anderen Staaten. Bei Benzin liegt Deutschland an zweiter Stelle hinter Finnland.

Ausdrücklich betonen die drei Ökonomen, dass die Preisasymmetrien zulasten der Kunden nichts mit der Besteuerung von Kraftstoffen oder mit Tankrabatten zu tun hätten. Der Effekt liege in der Vorsteuermarge, sei unabhängig von den vergangenen Krisenjahren und habe in den letzten Jahren eher zugenommen. „Es ist ein Fall für die Wettbewerbspolitik, nicht für die Steuerpolitik“, sagt Fichtner. „Versuche, das Problem mit Steuersenkungen in den Griff zu bekommen, sind nur ein Herumdoktern an Symptomen.“ Den unzureichenden Wettbewerb vermuten die Autoren auf der Ebene der wenigen Raffinerien und Großhandelsanbieter, nicht aber auf der Ebene der vielen Tankstellen.