Tata : Indien macht sich Sorgen um seinen patriotischsten Konzern
Tata steckt in der Führungskrise. Das Konglomerat steht für Indiens Sehnsucht nach Aufstieg und Anerkennung – und kämpft mit der Frage, was es sein will.
Es gibt eine Geschichte über Tata, die sehr viele Inder kennen. Sie illustriert, warum sich Indien derzeit Sorgen macht um seinen größten Konzern. In manchen Bundesstaaten hat es die Geschichte gar in Schulbücher geschafft, die zwölfte Klassen auf ihre Abschlussexamen in Englisch vorbereiten, „Perfect English Yuvakbharati“, Seite 352.
Nun habe Bill Ford in Mumbai betteln müssen – so geht die Geschichte
So heißt es im indischen Schulbuch. Auf dem Rückflug sei Ratan Tata verletzt gewesen, doch irgendwann habe sein Autogeschäft doch Erfolg gehabt. 2008 stand Ford vor der Pleite, Tata hingegen verkaufte 600.000 Fahrzeuge im Jahr und verblüffte die Welt mit dem Tata Nano, mit umgerechnet 1500 Euro das günstigste Auto der Welt. Nun war es Bill Ford, der ins Flugzeug stieg und nach Mumbai flog. Dort habe er Ratan Tata angefleht, die Ford-Marken Jaguar und Land Rover zu kaufen: „Sie würden uns einen großen Gefallen tun!“
Es ist eine Geschichte, die vor allem von indischen Sehnsüchten erzählt: endlich in der Welt wieder Anerkennung zu finden nach zwei Jahrhunderten unter Kolonialherrschaft. Es ist eine Fabel darüber, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur will, und von Ratan Tata als dem guten Helden. Dass die Erzählung in Wahrheit wohl ein Märchen ist, das Ratan Tata bis zu seinem Tod nie bestätigt hat und Bill Ford dementiert, tut ihrer Bedeutung für Indien keinen Abbruch.
Tata ist für das Milliardenvolk mehr als nur das größte Konglomerat des Landes, das neben dem Autobau Stahl produziert, mit TCS einen der größten IT-Dienstleister der Welt stellt, Strom erzeugt, Hotels betreibt sowie Speisesalz und Tee verkauft. Vieles davon äußerst profitabel, auch wenn der Gewinn von TCS durch den Vormarsch von Künstlicher Intelligenz unter Druck geraten ist.
Das größte Sorgenkind von Tata ist die verlustreiche Fluglinie Air India
Weniger gewinnträchtig sind Tatas nationale Prestigeprojekte: der Betrieb der Fluglinie Air India, der Aufbau einer Chipproduktion und der einer Elektroniksparte. Die Idee Ratan Tatas, eine indische Spielart des Kapitalismus zu schaffen, in der Unternehmen nicht nur den Aktionären, sondern dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt des ganzen Landes dienen sollen, spiegelt sich jedoch in nichts anderem so gut wider wie in den Tata Trusts: einer Gruppe von gemeinnützigen Stiftungen, die von der Gründerfamilie ins Leben gerufen wurde und zwei Drittel der Anteile an der Holdinggesellschaft Tata Sons hält, zu der unter anderem die Autosparte mit Tata Motors und Jaguar Land Rover gehört. Ein Großteil der Gewinne, die als Dividende an Tata Trusts ausgeschüttet werden, fließt in Indien in gemeinnützige Projekte wie Bildung, Krankenhäuser, Hochschulen und Infrastruktur wie sauberes Trinkwasser und Ernährungsprogramme auf dem Land. Ein so fürsorglicher wie mächtiger Gesellschafter – der Tata nun in eine Führungskrise gestürzt hat.
Es geht um einen Streit, bei dem auf der einen Seite Natarajan Chandrasekaran steht, der bisherige Vorstandsvorsitzende der Tata-Holding Tata Sons, die sich ums Geschäft kümmert. Der 63-Jährige, der in Deutschland Thyssenkrupp mit Tata Steel fusionieren wollte, hat in der vergangenen Woche angekündigt, nach Ablauf seiner Amtszeit im Februar 2027 nicht mehr für fünf weitere Jahre anzutreten.
Der Grund für diese Entscheidung dürfte zum Teil bei Noel Tata zu finden sein, dem 69 Jahre alten Halbbruder des früheren Patriarchen Ratan Tata und Vorstandsvorsitzenden des Mehrheitseigners Tata Trusts, dem Stiftungsverbund, der sich als Lordsiegelbewahrer des Familienerbes ansieht. Auf einen Satz gebracht, geht der Streit zwischen den beiden darum, was Indiens wichtigstes Unternehmen sein soll: ein privates, von der Familie kontrolliertes Stiftungsunternehmen, das weiter verlässlich seine Dividenden für Gutes ausgeben kann. Oder ein börsennotierter Konzern, der mit hohen und anfangs verlustreichen Investitionen Tata zum Anführer des indischen Aufstiegs zum Industrieland machen soll. Beide Seiten beanspruchen, das patriotische Erbe Ratan Tatas bewahren zu wollen.
An der Börse sind zwar Einzelunternehmen der Gruppe wie der IT-Berater TCS gelistet, der in München und Villingen-Schwenningen Software für die deutsche Autoindustrie entwickelt. Tata Steel, das ebenfalls in Deutschland tätig ist, ist ebenso an der Börse wie die Konsumentensparte, die Hotels, die Energiesparte, die Chemiesparte und mehr. Doch die Holding Tata Sons selbst ist nicht börsennotiert, was sich nach Meinung des größten Minderheitsaktionärs ändern sollte. Der Mischkonzern Shapoorji Pallonji aus Mumbai hat den Tatas in den 1920er-Jahren mal mit einem Kredit ausgeholfen und hält heute an Tata Sons 18 Prozent.
Ginge dieser an die Börse, würde das der sogenannten SP-Gruppe helfen, ihre hohe Verschuldung abzubauen. Bisher ist ihr Anteil an Tata nur schwer zu Geld zu machen. Dass auch Indiens Zentralbank – wenngleich bisher auch noch nicht offiziell – angemerkt zu haben scheint, dass eine gigantische Finanzholding wie Tata Sons zu einem Börsengang rechtlich verpflichtet sein könnte, kommt hinzu. Natarajan Chandrasekaran, der nun seinen Abschied angekündigt hat, hat den Börsengang zwar nicht befürwortet, ihn aber auch nicht ausgeschlossen.
Noel Tata, der Stiftungschef, lastet dem „Chandra“ genannten Vorstandsvorsitzenden der Gruppe an, dass die von Tata 2021 gekaufte Air India immer noch ein Sanierungsfall ist, der im vergangenen Geschäftsjahr rund 2,4 Milliarden Euro Verlust gemacht hat und eine Negativschlagzeile nach der anderen produziert. Auch die Elektroniksparte, die unter anderem Apples iPhone produzieren soll, bindet viel Kapital – genauso wie die Investitionen in Batterien und E-Mobilität. All diese Wetten auf den von Ministerpräsident Narendra Modi so herbeigesehnten Aufbau einer breiten indischen Industrielandschaft, die die Masse an jungen Arbeitskräften aufnehmen könnte, lehnt Noel Tata nicht grundsätzlich ab. Doch den aggressiven Expansionskurs von Chandra hält er Berichten zufolge für viel zu riskant und will mehr Kontrolle.
Wer will, kann den Streit als Test für Ratan Tatas patriotisches Vermächtnis sehen, das den Familienkonzern immer auch als Teil der nationalen Entwicklung Indiens betrachtet hat. Es geht dabei nicht nur um Personen, sondern auch um die Verschiebung von Machtstrukturen. Doch zunächst steht nun die Suche für einen Nachfolger des Tata-Chefs Chandra an. Berichten zufolge soll angeblich der Leiter der Stahlsparte, T. V. Narendran, gute Chancen habe, aber die Auswahlkommission schaut sich offensichtlich auch externe Kandidaten an. Auch jüngere Familienmitglieder wie Neville Tata (32 Jahre) und Maya Tata (36) sollen angeblich künftig enger in die Führung mit eingebunden werden.
Die Zeit drängt. An der Börse haben die Tata-Unternehmen in den vergangenen Tagen vier Milliarden Euro ihres Werts eingebüßt. Ihre für Dienstag geplante ordentliche Generalversammlung hat Tata Sons allerdings erst einmal wegen Beschlussunfähigkeit vertagt – zum ersten Mal in seiner über hundertjährigen Geschichte.