Software für Drohnen : Eine niederländische Helsing im Kleinen

Intelic liefert herstellerunabhängige Software für Drohnen – eingesetzt in der Ukraine. Den Haag investiert 30 Millionen Euro und sichert sich die Option auf ein späteres Vetorecht. Das Start-up spricht über Aufträge aus dem Ausland, schaut auch nach Berlin.

Das NDSM-Gelände im Norden Amsterdams: Die Werft der früheren Niederländischen Dock- und Schiffsbaugesellschaft ist zur Quadratmeile für Kunst, Kultur und Kneipen geworden – aber auch zur Brutstätte für Jungunternehmen. Im Herzen des Geländes erhebt sich, mitten auf dem NDSM-Platz, frei stehend die alte Schmiede. Abgetakelte Metallbriefkästen hängen an ihrem Backsteingemäuer: ohne Namensschilder, teils beschmiert; einer von ihnen auch mit einem Klebeband versehen, auf dass die Tür nicht aufklappe.
Daneben glotzt das hervorstehende Auge einer Kamera aus der elektronischen Klingelanlage. Der Besucher rollt sich mit einer Taste durch die kurze Namensliste: Nur „Greenpeace“ erscheint auf ihr und der Getränkeanbieter „Pernod Ricard“, der hier mit seiner niederländischen Landesgesellschaft sitzt. Der im Mai eingezogene neue Nachbar hingegen ist nicht aufgeführt.
Aus Sicherheitsgründen? Das könnte man annehmen, denn der neue Nachbar, das IT-Unternehmen Intelic, ist ein besonderer. Andererseits ist seine Adresse ohne jeden Umstand öffentlich zu recherchieren; eine einfache Suche per Google reicht. Hier am NDSM-Platz wächst ein Unternehmen heran, das sich als Wettbewerber im rapide wachsenden Markt für Rüstungstechnik zu etablieren versucht. Ein Anbieter von Software für Drohnen: eine Helsing im Kleinen, die ihren Umsatz nach eigener Darstellung in nächster Zeit jährlich mehr als verdoppeln will – in diesem Jahr auf einen Wert in der Größenordnung von zehn Millionen Euro. Als Konkurrenten nennt das Unternehmen unter anderem die deutschen Drohnenunternehmen Quantum Systems, Stark Defence und eben Helsing mit ihren jeweiligen Software-Systemen sowie Anduril aus den USA, das es vom Start-up zum Konzern mit Milliardenumsätzen gebracht hat.

Intelic stellt Universalsoftware her, mit welcher das Militär Drohnen unabhängig von Typ und Marke steuern kann. Sie wird seit vergangenem Jahr in der Ukraine eingesetzt. Neuerdings mischt der niederländische Staat verstärkt mit: über eine Finanzspritze, eine strategische Zusammenarbeit und die Option auf eine spätere „Goldene Aktie“. So heißt das Vetorecht, mit dem Den Haag wichtige strategische Beschlüsse verhindern könnte – vor allem einen Umzug ins Ausland und den Einstieg unerwünschter Investoren.  
Anfang des Monats unterzeichnete das Verteidigungsministerium mit Intelic den entsprechenden Vertrag. Beide Seiten wollen gemeinsam an Software für Drohnen auf dem Schlachtfeld arbeiten. Mehr als 30 Millionen Euro stellt das Ministerium in den kommenden drei Jahren bereit, später eventuell mehr.  Die Goldene Aktie muss noch mit dem Finanzministerium ausgehandelt und vom Parlament genehmigt werden. „Intelic ist wirklich ein Unternehmen der Weltspitze“, sagte der christdemokratische Staatssekretär Derk Boswijk. Das Ministerium betont, dass die Software verschiedene unbemannte Systeme gleichzeitig steuern könne: „Das ist einzigartig und wird nur in der Ukraine, notgedrungen, angewendet.“

Eine Software für viele Marken

Interoperabilität heißt diese Art des offenen Ansatzes in der Technik. Nach Schätzung Intelics gibt es Tausende örtliche Drohnenanbieter in der Ukraine und 700 anderswo in Europa. Die Niederlande seien jetzt das erste Land, das offiziell in einen „Software First“-Ansatz für militärische Interoperabilität investiert. Erst wird also die Software gebaut, dann die Hardware.

Drohnentechnik ist für die Niederlande ein Schlüssel in der Rüstungsstrategie, wie das Verteidigungsministerium im Juni in einem Strategiepapier verdeutlicht. Es will in großem Stil in unbemannte Systeme investieren. Boswijk eröffnete Anfang des Monats auch ein Forschungszentrum an der TU Delft, in dem das Ministerium, mittelständische Betriebe und Start-ups an Drohnen, Raumfahrttechnik und anderem arbeiten.
Im Backstein- und Glasbau der alten NDSM-Schmiede sind Intelics Räume sichtlich neu bezogen: In der Lobby stapeln sich noch Umzugskisten, die Treppe hinauf in den ersten Stock führt zu einem noch leeren, fensterlosen Raum. Mitarbeiter zimmern hier einen Testbunker, der später einmal die Lage in der Ukraine simulieren soll. Oben empfängt Marc Derksen, einer der drei Gründer, die Intelic 2021 ins Leben riefen. Der Weg führt vorbei an Regalen mit Testdrohnen und anderen Flugkörpern, vorbei auch an Mitarbeitern, die an diesem Freitagnachmittag noch vor Bildschirmen tüfteln. Anders als die großen Konkurrenten entwickelt Intelic keine Hardware, nur die Software für „unbemannte Systeme“.

Gespräche mit Verteidigungsministerien in Europa

Intelic wurde wie Helsing im Jahr vor der vollständigen Invasion der Ukraine gegründet, Anteilseigner waren die drei Gründer. 2024 erhielt das Unternehmen in einer ersten und bislang einzigen Finanzierungsrunde zwei Millionen Euro vom Risikokapitalgeber Keen Venture Partners, der dafür ein Minderheitspaket erhielt. Die Eignerstruktur wird sich nach Aussage Derksens durch die wahrscheinlich anstehende Goldene Aktie nicht ändern. Denn es ist keine Aktie im Sinne eines Kapitalanteils, der Staat steigt nicht in das Unternehmen ein, wie Derksen erläutert.  Es gehe nur um das entscheidende Stimmrecht.
Intelic beschäftigt etwa 80 Mitarbeiter, davon ein Zehntel in der Ukraine, wo eine Tochtergesellschaft etabliert ist. Der Umsatz 2025 habe „vier, fünf Millionen Euro“ betragen, sagt der Manager. Er solle im laufenden Jahr „Richtung 13 Millionen“ gehen, solle sich jedenfalls „mehr als verdoppeln“. Wird das in den kommenden Jahren so weitergehen? „Das ist schon die Vorstellung.“
Momentan kommt die Software außer in der Ukraine nur in Manövern der niederländischen Armee zum Einsatz – jüngst etwa in der Militärübung „Fighter Lion“ in den Niederlanden und Deutschland, wie Derksen sagt. Aber das Unternehmen will im Ausland Fuß fassen. „Das Geschäftsmodell besteht aus der Zusammenarbeit mit Verteidigungsministerien.“ Initialkunde ist jenes in Den Haag, aber Verhandlungen mit anderen laufen. „Es gibt allerlei Länder, mit denen wir darüber sprechen, ob wir ihnen unsere Software anbieten können.“ Verteidigung muss nach seiner Darstellung europäisch gedacht werden. „Wir sind jetzt namentlich im Gespräch mit Dänemark und Belgien, wir sind mit Litauen im Gespräch, mit Estland.“

Und Deutschland?

Mit Berlin sei man „noch nicht“ in Kontakt. Aber das sei das Ziel, sagt Derksen, der in dem Zusammenhang auf das Deutsch-Niederländische Korps in Münster verweist. Intelic wolle aber erst einmal so schnell wie möglich Verträge mit drei Ministerien kleinerer Länder abschließen. Die dienen dann im Kern als Referenz, denn: „Deutschland ist natürlich schon ein großer Fisch.“