Milliardenaufträge der Bundeswehr : Kasernenbau am Fließband

Die Bundeswehr braucht neben Waffen auch Kasernen. Und das möglichst schnell. Für die Bauwirtschaft ist das ein gutes Geschäft.

Wenn die Bundeswehr nach dem Willen des Bundeskanzlers zur stärksten Armee Europas werden soll, braucht sie neben Waffen und Drohnen auch Kasernen, und das möglichst schnell. Neue und grundsanierte Unterkünfte, Küchen, Sanitätshäuser, Hallen mit Platz für Fahrzeuge, technische Ausrüstung, Munition und Waffen. Das alles ist nicht nur eine Mammutaufgabe für die Bundeswehr, sondern auch ein großes Geschäft für die hiesige Bauwirtschaft.

Wie groß genau, wurde diese Woche klar. Auf der Hardthöhe in Bonn unterzeichneten Vertreter von Bundeswehr und Unternehmen ein Vertragspaket im Gesamtvolumen von 4,6 Milliarden Euro. Für das Geld sollen kurzfristig 300 Gebäude in 130 Liegenschaften entstehen, mehr als 63.000 zusätzliche Betten für Rekruten und Ausbilder. Gehen die Pläne auf, sollen die ersten vierzehn Gebäude schon Mitte 2027 fertig sein.

Aufträge schnell vergeben

Um das nötige Tempo zu bekommen, setzen Bundeswehr und Unternehmen auf Standardisierung. Serielles Bauen mit vorgefertigten Betonteilen, einheitliche Grundrisse und die Typisierung von Gebäudeteilen sollen den Bau beschleunigen und „zu einem wiedererkennbaren Erscheinungsbild beitragen“.

Tatsächlich ging die Vergabe der Aufträge schnell: Im Mai 2025 hat das Verteidigungsministerium das Projekt „G‑CAP Inland – Stufe 1“ beschlossen. G‑CAP steht für German Armed Forces – Contractor Augmentation Program. Ausgeschrieben und vergeben hat die Verträge im Auftrag der Bundeswehr der Bau- und Liegenschaftsbetrieb Nordrhein-Westfalen. Die Vergabe startete im Dezember 2025, im August 2026 wurden alle Verträge unterzeichnet – für Bauprojekte in dieser Größe mit staatlichem Akteur ein ohne Frage schnelles Verfahren. Jetzt müssen die Bauunternehmen zeigen, dass sie es können.

Eine Milliarde Euro für Max Bögl

Die Bundeswehr hat die Aufträge nach eigenen Angaben in vierzehn Lose aufgeteilt. Auf jedes dieser Lose konnten sich einzelne Unternehmen oder die in der Bauwirtschaft üblichen Arbeitsgemeinschaften bewerben. Größter Auftragsgewinner dürfte die bayerische Baugruppe Max Bögl sein, eines der größten Bauunternehmen Deutschlands. Bögl hat nach eigenen Angaben als Generalunternehmer den Zuschlag für den Bau von 102 Unterkunftsgebäuden in Bayern, Niedersachsen und Ostdeutschland erhalten. Auftragswert rund eine Milliarde Euro.

Der Stuttgarter Baukonzern Wolff & Müller hat sich mit der OBG-Gruppe aus dem Saarland und dem bayerischen Betonteilehersteller Lechner zusammengetan und den Zuschlag für zwei Lose bekommen. Für zusammen 370 Millionen Euro sollen sie fünfundzwanzig Kasernengebäude bauen, in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

Das Trio setzt nach eigenen Angaben auf serielles und standardisiertes Bauen. Man plane mit vier Gebäudetypen in drei Formen, also maximal zwölf Varianten. Lechner-Geschäftsführer Tobias Lechner spricht in einer Mitteilung von „maximalem Wiederholungsfaktor“ und „maximalem Vorfertigungsgrad“. Die nötigen Betonfertigteile baue das Unternehmen weitgehend selbst.

Standardisiert hergestellt werden demnach neben Elementen für den Rohbau und das Dach auch die sogenannten TGA-Zentralen, das sind Gebäudeteile, in denen die Haustechnik untergebracht wird, also Heizung, Lüftung, Elektrotechnik. Damit Planung und Bau zügig vonstattengehen, setze die Arbeitsgemeinschaft auf BIM, also auf digital vernetztes Planen und Herstellen.

Container gefragt und gesucht

Ein Selbstläufer wird der Bau dennoch nicht, schließlich unterscheiden sich die Standorte teils erheblich. Infrastruktur und Zufahrten müssten vor Ort gelöst und in die standardisierte Planung eingepasst werden, heißt es. Die größte Herausforderung ist nach Angaben von Wolff-&-Müller-Vertreter Roman Sailer der enge Zeitrahmen. Sobald die zuständige Behörde den Vertrag abrufe, hätten die Unternehmen drei Monate Zeit für Planung und Arbeitsvorbereitung. In weiteren sieben Monaten müssten die Gebäude dann schlüsselfertig gebaut werden.

Die Zeit drängt, aktuell kommt die Bundeswehr ohne Container nicht mehr aus. Aus einem eigens aufgelegten Sofortprogramm will sie bis Ende September 4800 „Unterkunftscontainer“ für 32 Liegenschaften bereitstellen. Eine Dauerlösung ist das nicht.

Die Bauwirtschaft hat sich auf die neuen Auftraggeber aus der Rüstung bereits eingestellt. Wolff & Müller, mit mehr als 2200 Beschäftigten und über einer Milliarde Euro Bauleistung einer der großen Mittelständler der Branche, hat dafür sogar eine eigene Einheit gebildet. Die Wolff & Müller Government Services baut nach eigenen Angaben schon heute für die Bundeswehr und die amerikanischen Streitkräfte im In- und Ausland. Zusammen mit der saarländischen OBG hat sie unter anderem 54 Reihenhäuser für die amerikanische Armee im rheinland-pfälzischen Baumholder gebaut.

Das laufende Programm der Bundeswehr zielt darauf ab, bestehende Kasernen mit neuen Gebäuden zu erweitern. In einer zweiten Stufe soll nach dem Willen des Verteidigungsministeriums dann der „Kasernenbau am Fließband“ Wirklichkeit werden: neue Garnisonen, fertig aus der Fabrik.