Nach FCAS-Scheitern : Frankreich sondiert neue Kampfjetpartnerschaft
Das Kampfflugzeugkapitel zwischen Deutschen und Franzosen ist beendet. Vor allem ein neuer möglicher Partner wird nun umworben.


Nach dem Scheitern ihres gemeinsamen Kampfflugzeugprojekts loten Deutsche und Franzosen Alternativen aus. Hinter den Kulissen nehmen die Gespräche Fahrt auf. Mögliche Optionen gibt es für beide Seiten jeweils drei: eine rein nationale Entwicklung, eine neue Partnerschaft und der Anschluss an das bestehende britisch-italienisch-japanische GCAP-Programm. Letzteres ist jedoch weit fortgeschritten, sodass für einen hinzustoßenden Partner wohl nur überschaubare Arbeitsanteile übrig blieben. Das kommt für Frankreich nicht infrage. Und auch zum neuen Anspruch der deutschen Industrie, ein Kampfflugzeug der nächsten Generation federführend zu entwickeln, dürfte die Rolle des GCAP-Juniorpartners nicht passen.
Zwischen Deutschland und Frankreich dürfte es bis auf Weiteres keine gemeinsame Entwicklung mehr geben, auch nicht von Teilen eines zukünftigen Luftkampfsystems. Lange hoffte man auf politischer Seite, zumindest der Aufbau einer Combat Cloud, quasi der digitalen Nervenzelle, könnte als Restmasse des Leuchtturmprogramms FCAS fortgeführt werden. Spätestens seit den Regierungskonsultationen in Brühl ist aber selbst das in weite Ferne gerückt. In den Schlussfolgerungen des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats von vergangener Woche ist nur noch schwammig von der Definition eines „gemeinsamen europäischen Gefechtsstandards“ und einem „sicheren Systemverbund“, den man gemeinsam entwickeln wolle, die Rede.
Für Dassault Aviation, das sich mit der in Bayern sitzenden Rüstungssparte von Airbus zerstritten hat, ist das Kampfflugzeugkapitel mit den Deutschen in jedem Fall beendet. „Für mich ist das Thema abgeschlossen, daher ergibt es keinen Sinn, noch mehr dazu zu sagen“, sagte Dassault-Präsident Éric Trappier am Mittwochabend bei Vorstellung der Halbjahreszahlen. Er bedauere das ein wenig, denn mit 55 Prozent Arbeitsanteil für Dassault hätte die gemeinsame Entwicklung eines Kampfflugzeugs wohl funktioniert. Mit zwei Dritteln für Airbus Deutschland und Airbus Spanien und nur einem Drittel für Dassault sei es jedoch nicht gegangen. Mit Blick auf die Combat Cloud gab er an, nicht zu wissen, wie eine gemeinsame Entwicklung aussehen soll. „Es ist kein Problem zwischen Frankreich und Deutschland. Es ist ein Problem zwischen Dassault und Airbus“, betonte Trappier. Die gemeinsame Entwicklung eines Raumfahrzeugs mit dem Bremer Unternehmen OHB funktioniere beispielsweise gut.
Kein so großer Handlungsdruck
An Know-how für die Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugs mangelt es Frankreich grundsätzlich nicht. Während sich Deutschland für den Tornado und Eurofighter in Konsortien mit Briten und Italienern beziehungsweise Briten, Italienern und Spaniern zusammengeschlossen hat, beschritt Dassault fast immer nationale Wege, zuletzt mit der Rafale. Rund 400 französische Unternehmen sind an diesem Kampfflugzeug beteiligt, neben Dassault vor allem Safran und Thales. Die immensen Kosten eines neuen Programms und Frankreichs angespannte Finanzlage galten bislang aber als starkes Argument für einen Zusammenschluss mit Partnern. Wer das nach dem Bruch mit den Deutschen und den an FCAS mitbeteiligten Spaniern sein könnte, ist allerdings noch offen.
„Derzeit laufen Gespräche mit dem Staat über die Einführung einer Alternative – entweder als rein französisches Projekt oder im Rahmen einer Zusammenarbeit “, heißt es offiziell dazu von Dassault. Ziel sei es, einen auf den französischen Anforderungen basierenden Flugdemonstrator zu entwickeln, der Anfang 2031 oder 2032 fliegen könnte. Das wäre einige Jahre später als der FCAS-Demonstrator. Dassault wird aber ohnehin kein so großer Handlungsdruck attestiert wie Airbus. Die Rafale verkauft sich derzeit deutlich besser als der Eurofighter, allein Indien will weitere 114 Stück kaufen – und im Rahmen des F5-Standards wird sie auch noch einmal umfassend modernisiert. Zusammen mit einer neuen großen Kampfdrohne soll diese „Super-Rafale“ in den 2030er-Jahren in Dienst gestellt werden.
Schon länger gibt es Mutmaßungen über eine mögliche Entwicklungspartnerschaft mit Rafale-Kunden in der arabischen Welt. Wenn überhaupt, gilt eine Kooperation mit den Schweden aber als wahrscheinlicher. Der dortige Saab-Konzern hat sich bei der Nachfolge seines Kampfflugzeugmodells Gripen noch nicht festgelegt und gilt sowohl Deutschen als auch Franzosen als interessanter Partner. Man kennt sich: Saab liefert Airbus schon heute Systeme für die elektronische Kampfführung, bei Dassaults Kampfdrohnendemonstrator Neuron wiederum waren die Schweden Juniorpartner. Dessen Programmarchitektur wurde von Trappier wiederholt als vorbildlich für eine europäische Rüstungskooperation bezeichnet. „Es wird Partnerschaften in Europa geben“, sagte der umworbene Saab-Präsident Micael Johansson vorige Woche der französischen Zeitung „Les Echos“. Er ließ sich aber nicht in die Karten schauen, ob er einen präferierten Partner habe.
Auch Dassault hält sich bedeckt. „Was Schweden angeht, habe ich heute nichts zu sagen“, sagte Trappier am Mittwoch. Man sei offen für eine Zusammenarbeit mit Ländern, die dies wünschten, und zu zweit sei es besser als zu dritt. Alexandre Lahousse, stellvertretender Direktor der mächtigen französischen Rüstungsbeschaffungsbehörde DGA, stellte Mitte Juli im Radiosender „BFM Business“ dagegen klar: „Wir werden weiterhin nach Partnern suchen.“ In dem Kontext erwähnte er explizit, dass Frankreich vor Kurzem erst bei Saab zwei Frühwarn- und Kontrollflugzeuge vom Typ Global Eye bestellt habe – und Schweden umgekehrt vier Fregatten bei der französischen Naval Group. Schon die im März 2025 verkündete Ernennung von Lahousses Vorgänger bei der DGA, Thierry Carlier, zum französischen Botschafter in Schweden war als Zeichen der vertieften Rüstungszusammenarbeit interpretiert worden.