Scharfe Kritik von Bahn-Chefin Palla „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit“
Im Zuge des Bahn-Umbaus kritisiert Konzernchefin Evelyn Palla (53) ihre Führungskräfte mit ungewöhnlich scharfen Worten. Mangelnde Leistungsbereitschaft im Management sei eine Ursache der Probleme des Staatsunternehmens, sagte sie der „Welt am Sonntag“ laut Vorabbericht.


„Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern.“ Zu oft sei Verantwortung hin- und hergeschoben worden zwischen der zentralen Verwaltung und der operativen Ebene vor Ort. „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit.“ Das müsse der Vergangenheit angehören. „Pünktlichkeit beginnt mit einer klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle“, so die seit Oktober amtierende Chefin der Deutschen Bahn.
Zu wenige Konsequenzen im Management
Die gebürtige Südtirolerin kritisierte, dass im Management bislang auch bei „mehrfachen Zielverfehlungen kaum Konsequenzen gezogen“ worden seien. „Man musste nur gut genug erklären, warum die Ziele nicht erreicht werden konnten – damit kam man oft jahrelang durch.“ Bei der Bahn habe es „noch nie ein Erkenntnisproblem, aber viel zu lange ein Umsetzungsproblem“ gegeben. „Für mich zählen nur messbare Ergebnisse und keine Erklärungen.“
Verändern werde sich erst etwas, wenn sich das Management verändere und wenn Verantwortung in den dezentralen Einheiten auch wahrgenommen und gelebt werde. Das habe viel mit einer neuen Kultur zu tun. „Und das ist der viel schwierigere Teil beim Neustart der Bahn, und der braucht Mut und Zeit.“
Palla betonte, mit ihrer Kritik an der Leistungskultur habe sie bestimmte Beschäftigte ausdrücklich nicht gemeint: „Die Zugbegleiter, Lokführer, Fahrdienstleiter, Gleisarbeiter, Disponenten und alle, die jeden Tag mit einer unbefriedigenden Situation kämpfen und viel improvisieren müssen – das sind meine Helden, die die Eisenbahn täglich am Laufen halten.“
Erst 2035 soll das Gröbste geschafft sein
Schnelle Verbesserungen bei der Pünktlichkeit will Palla nicht versprechen. „Die Pünktlichkeit bleibt in diesem Jahr weiter schwierig, weil es im Netz einfach noch zu viele Störungen und zudem zu viele Baustellen gibt. Wer hier etwas anderes verspricht, macht den Menschen etwas vor“, sagte sie in dem Interview.
Am Ende hänge alles davon ab, wie schnell das Schienennetz in Ordnung gebracht werde. „Auch hier müssen wir ehrlich sein: Das wird nicht schnell gehen.“ 2035 feiere die Bahn ihr 200. Jubiläum – „und das soll auch das Jahr sein, in dem wir das Gröbste hinter uns haben“.
Palla hat nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr mit einem Konzernumbau begonnen, der unter anderem eine Verschlankung der Zentrale und eine Verlagerung von Verantwortung in die Fläche vorsieht. Zahlreiche Führungspositionen wurden gestrichen. „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss“, betonte Palla.