Bessent erwägt Sanktionen : USA werfen China KI-Diebstahl vor
Ein neues KI-Modell von Moonshot AI rüttelt an der Vormachtstellung von Open AI und Anthropic. Washington droht jetzt mit neuen Sanktionen. In Deutschland wird Chinas KI derweil immer beliebter.
Das leistungsstarke neue KI-Modell des chinesischen Unternehmens Moonshot AI sorgt für eine Verschärfung des handelspolitischen Streits zwischen den USA und China. Ranghohe Vertreter der US-Regierung haben Moonshot AI „Diebstahl“ amerikanischer KI-Technologien vorgeworfen und mit Konsequenzen gedroht. Finanzminister Scott Bessent schrieb auf der Plattform X, zur Diskussion stünden sowohl Sanktionen als auch eine Eintragung in die „Entity List“, also eine Schwarze Liste der Regierung, die mit Restriktionen für Geschäfte in China verbunden ist. Andere chinesische KI-Unternehmen hat Washington schon mit Sanktionen belegt.
Peking reagierte am Donnerstag umgehend und verbat sich die Drohungen aus Washington. China sei dagegen, Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft zu politisieren oder als Druckmittel einzusetzen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Das würde die „globale Entwicklung der Künstlichen Intelligenz behindern“ und liege nicht im Interesse beider Seiten. Es ist die übliche Argumentation Pekings.
Symphonie statt Soloauftritt
Die rapide Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und das Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich die Entwicklerteams auf beiden Seiten des Pazifiks liefern, ist damit zu einem politischen Konfliktfeld zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt geworden. In der vergangenen Woche hatte Chinas Präsident Xi Jinping in Shanghai die Gründung einer Welt-Organisation für KI-Kooperation (WAICO) bekannt gegeben, an der sich 29 Länder beteiligen. In seiner Rede stichelte er in Richtung USA, „die KI-Entwicklung sollte kein Soloauftritt eines Landes sein, sondern die Symphonie der internationalen Kooperation“. Die USA versuchten zuvor, Länder von einer WAICO-Beteiligung abzuhalten, hatte eine europäische Diplomatin der F.A.Z. gesagt. Für September ist nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters ein KI-Gipfeltreffen der beiden Supermächte geplant.
Die USA werfen den chinesischen Konkurrenten in diesem Wettrennen unlautere Methoden vor. Michael Kratsios, ein für Technologiefragen zuständiger Berater des US-Präsidenten Donald Trump, sagte am Mittwoch, Moonshot AI habe sich bei der Entwicklung seines Modells „Kimi K3“ auf „unakzeptable“ Weise bei Fable bedient, einem der leistungsstärksten KI-Modelle des US-Wettbewerbers Anthropic.
Dies sei mittels „Destillation“ geschehen, also einer Technik, bei der üblicherweise ein weniger leistungsfähiges KI-Modell mit den Antworten eines stärkeren Modells trainiert wird. Dies gilt in der Branche im Prinzip als legitime Methode, worauf auch Kratsios hinweist. Der Trump-Berater sagt aber, Moonshot habe das geheim und „in industriellem Stil“ getan, um amerikanische Technologie zu stehlen. Die Chinesen hätten außerdem Netzwerkrechner mit KI-Chips von Nvidia erworben, für die ein Exportverbot gilt.
Moonshot bedroht Börsengänge
Moonshot hat Kimi K3 in der vergangenen Woche vorgestellt und damit für erhebliches Aufsehen gesorgt. Das Modell hat in branchenüblichen Vergleichstests ähnlich gut abgeschnitten wie einige der besten Modelle von Anthropic und Open AI. Im Gegensatz zu den großen amerikanischen Wettbewerbern setzt Moonshot aber, wie auch andere chinesische KI-Unternehmen, auf eine offene Strategie. Moonshot legt die Parameter des Modells offen, Kimi K3 kann gratis heruntergeladen und verändert werden. Die Benutzung ist für Unternehmen gleichwohl nicht kostenlos, aber günstiger.
Das macht das Modell zu einer Bedrohung für die teureren Produkte der amerikanischen Rivalen und stellt auch deren hohe Bewertungen infrage. Anthropic und Open AI wurden zuletzt mit jeweils fast einer Billion Dollar bewertet, beide Unternehmen bereiten ihren Börsengang vor, Moonshot ebenfalls. Die chinesischen KI-Entwickler Zhipu AI und Minimax sind schon an der Hongkonger Börse notiert.
Anthropic wirft chinesischen Wettbewerbern wie Moonshot und Deepseek schon seit Monaten eine unzulässige Destillation seiner Modelle vor. Sarah Heck, die bei Anthropic für politische Fragen verantwortlich ist, bedankte sich jetzt auf der Plattform X bei Kratsios für seine Äußerungen und schrieb: „Unzulässige, feindselige Destillation ist Diebstahl geistigen Eigentums und Industriespionage, und damit werden militärische und nachrichtendienstliche Fähigkeiten eines Gegners unterstützt.“ Dies sei eine „nationale Herausforderung“ für die USA.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Anthropic sich seit Monaten einen öffentlichkeitswirksamen Streit mit der US-Regierung liefert. Dabei geht es um die Frage, zu welchen Zwecken die Regierung KI-Modelle nutzen darf. Das Verteidigungsministerium hat Anthropic im Februar zum Risiko für die nationale Sicherheit erklärt, woraufhin das Unternehmen die Regierung verklagt hat.
Chinesische Modelle im Westen auf dem Vormarsch
Die politische Debatte scheint der Verbreitung chinesischer KI-Modelle im Westen bisher kaum geschadet zu haben. Das zeigt eine Auswertung des amerikanischen KI-Infrastrukturanbieters Vercel, über dessen Plattform täglich mehr als eine Billion sogenannter Token aller führenden KI-Modellanbieter verarbeitet werden. Token sind die Textbausteine, die KI-Modelle ausspucken und verarbeiten, und auch die Maßeinheit, nach der KI-Anbieter abrechnen. Im Juni hatte der chinesische Anbieter Deepseek einen Anteil von mehr als einem Fünftel an allen verarbeiteten Tokens – Tendenz steigend. Deepseek lag damit hinter Anthropic und Google auf dem dritten Platz und vor Open AI.
Auch andere chinesische Anbieter landeten auf vorderen Plätzen. Das neueste Modell von Zhipu AI schaffte es aus dem Stand auf den elften Platz, seit der Verfügbarkeit Mitte Juni hat sich der tägliche Tokenverbrauch verfünfzigfacht. Insgesamt entfiel im Juni knapp ein Drittel auf offene Modelle, von denen die chinesischen einen Großteil ausmachten. Im April waren es nur elf Prozent.
Trotzdem gingen 95 Prozent der über die KI-Anfragen generierten Umsätze an amerikanische Anbieter. Das hängt aber vor allem auch mit den deutlich niedrigeren Kosten der chinesischen Modelle zusammen. Das neueste Modell von Zhipu AI kostet bei vergleichbarer Leistung ungefähr ein Fünftel des Anthropic-Modells Opus 4.8.
Diese deutlichen Preisunterschiede haben auch in der deutschen Wirtschaft zu einem Umdenken geführt. Lange gab es dort aus Sorge vor Spionage Berührungsängste mit chinesischen KI-Anbietern. „Die Modelle sind im europäischen Markt angekommen“, sagt Volker Pfirsching, Partner der Strategieberatung Arthur D. Little. Ihr Einsatz befinde sich aber oft noch in der Erprobungs- und Auswahlphase. „Eine flächendeckende Ablösung amerikanischer Anbieter ist nicht erkennbar“, sagt Pfirsching. Stattdessen setzten größere Unternehmen zunehmend auf sogenannte Multi-Modell-Strategien. Siemens nutzt etwa neben amerikanischen und europäischen Modellen auch Deepseek.
In der Verarbeitung kritischer Daten gebe es immer noch eine gewisse Zurückhaltung, sagt Daniel Abbou, Geschäftsführer des KI Bundesverbands. Aber für viele Nutzungsfälle wie die Erstellung von Software-Codes seien chinesische Anbieter gut geeignet. Eine an den Fall Huawei erinnernde Debatte um Nutzungsverbote hält Abbou nicht für zielführend. „Eine Einschränkung chinesischer Modelle würde noch mehr Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern bedeuten“, sagt er. Zwar brauche es auch europäische Modelle, digitale Souveränität bedeute aber auch, Auswahlmöglichkeiten zu haben.