Rollkoffer oder Rucksack? Kleine Psychologie des Reisegepäcks

Das Unterhaltsame am Reisen, und damit ist in diesem Fall wirklich das Unterwegssein gemeint, besteht nun mal darin, Menschen zu beobachten. Und sich einzubilden, ganz genau zu wissen, wie diese Menschen so ticken.

Meist liefert das Gepäck bei diesen Charakterstudien die entscheidenden Hinweise: Wer kramt aufgeregt im vollgestopften Weekender nach dem Reisepass? Wer zettelt in der Businessclass einen Streit darüber an, ob der Aluminiumtrolley noch ins Overhead-Fach gequetscht werden darf oder in den Frachtraum umziehen muss? Wer lässt verzweifelte Mitreisende, die keine Steckdose gefunden haben, an der im Handgepäckkoffer integrierten Powerbank das Handy laden? Und für welches Reiseziel braucht man wohl so viel Gepäck, dass man mit einer kompletten Designerkoffer-Kollektion am Check-in vorrollt?

Von Rollkoffer bis Firmenrucksack: Die Wahl des Reisegepäcks verrät viel über Menschen und ihr Verhältnis zur (Business-)Reise. Jedenfalls lässt sich schnell erkennen, ob jemand als Pragmatiker oder Hedonist unterwegs ist, ob man das Reisen zur Stilform erhebt oder ob man nur so unkompliziert wie möglich von A nach B kommen möchte. Anders ausgedrückt: Bei den einen muss der Hartschalenschnapper aus dem Outletcenter seit Jahrzehnten durchhalten, bei den anderen gehört die Luxusreisetasche zum Gesamtauftritt und wurde mit den eigenen Initialen frisch personalisiert.

Reisen bildet, und Reisen bildet Identität. Und manchmal, natürlich nicht immer, spiegelt sich dieser Prozess in der Entscheidung zwischen Wanderrucksack und Rimowa-Klassiker wider. Zumindest eignet sich der Gepäck-Check für ein kurzweiliges Gedankenspiel am Gate oder Kofferband: Zeig mir deinen Koffer, und ich denke mir, wer du bist.

Irgendwie muss man sich die Zeit zwischen Ausfliegen und Ankommen ja vertreiben. Übrigens: Wem vor dem nächsten Reisemarathon graut, bei dem unzählige Stunden auf Flughäfen, Bahnhöfen oder auf der Autobahn verplempert werden, den trösten vielleicht diese Zeilen von Schriftstellerin Felicitas Hoppe aus ihrem Essayband „Reisen“: „Doch vielleicht werden genau diese scheinbar verlorenen Stunden am Ende unsere besten gewesen sein. Weil es (…) der unübersichtliche Welt-, Zeit- und Warteraum ist, in dem wir endlich jene Abenteuer erleben dürfen, auf die wir eigentlich gar nicht aus sind, von denen wir bis dato noch gar nichts wussten und mit denen wir niemals gerechnet haben.“