Recycling : Der alte Reifen soll zurück auf die Straße
Die Technik ist da, der Kreislauf noch nicht: Pilotprojekte zeigen, wie Rohstoffe aus Altreifen in neue Reifen zurückkehren. Bis zur breiten Anwendung bleiben Hürden.
Rund 43 Prozent recycelte Materialien stecken in Continentals kürzlich vorgestelltem Konzeptreifen. Pirelli führt erste Rohstoffe aus Altreifen zurück in die Reifenproduktion, Michelin baut mit Partnern im schwedischen Uddevalla eine Anlage zum Recycling alter Reifen. Die Branche tritt beim Thema Kreislaufwirtschaft aufs Gas, auch weil sie ihre gesamte Produktion in den kommenden Jahren deutlich nachhaltiger machen will.
In ihren aktuellen Serienreifen werben die Hersteller schon heute mit hohen Anteilen nachhaltiger Materialien. Der Anteil recycelter Rohstoffe ist dabei aber deutlich kleiner. Und recycelt bedeutet nicht zwangsläufig: aus Altreifen gewonnen. Zwischen Vorzeigeprojekten und einem geschlossenen Kreislauf für die breite Serie bleibt eine Kluft. An ausgedienten Reifen mangelt es jedenfalls nicht. Die Umsetzung hakt an anderer Stelle.
Mehr als ein Stück Gummi
Für die meisten Autofahrer ist der Reifen vor allem ein Verschleißteil. Der neue Reifen kommt ans Auto, der alte bleibt in der Werkstatt. Was danach geschieht, bleibt oft unsichtbar. Nach Angaben des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (WDK) fielen 2024 in Deutschland rund 533.000 Tonnen Altreifen an. Weltweit erreichen nach Schätzungen des World Business Council for Sustainable Development jährlich eine Milliarde Reifen das Ende ihrer Nutzungsdauer.
Was dabei wie ein schwarzes, rundes Stück Gummi aussieht, ist ein aufwendiger Verbund aus verschiedenen Kautschuken, Stahl, Textilien, Silica, Ruß, Ölen und weiteren Zusätzen. Allein die Mischung für die Lauffläche kann nach Einschätzung des Werkstoffwissenschaftlers Mario Beiner vom Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) in Halle zehn bis 15 Bestandteile enthalten. Sie sorgen dafür, dass der Reifen das Fahrzeug trägt, Bremskräfte überträgt und auch bei Nässe sicher haftet. Diese Materialvielfalt macht ihn leistungsfähig und sein Recycling anspruchsvoll.
Ein Teil der Rohstoffe wird bereits zurückgewonnen. Rund 36 Prozent der deutschen Altreifenmenge wurden 2024 nach den WDK-Zahlen zu Granulat und Gummimehl verarbeitet. Dafür werden die Reifen zerkleinert und von Stahl und Textilien getrennt. Das Gummi findet etwa in Sportböden, Straßenbelägen oder Dämmstoffen ein zweites Leben. Weitere rund 17 Prozent wurden als Brennstoff in der Zementindustrie eingesetzt. Ein kleiner Teil geeigneter Reifen ließ sich runderneuern. Dabei bleibt der tragende Unterbau des Reifens erhalten, nur die abgefahrene Lauffläche wird ersetzt.
Granulat für einen Bodenbelag hält Material in Nutzung, führt es aber nicht zurück in einen Reifen. Fachleute sprechen von einem offenen Kreislauf. Der geschlossene Reifen-zu-Reifen-Kreislauf stellt höhere Anforderungen. Ein Bodenbelag muss nicht dasselbe leisten wie das Material, auf dem ein Auto bei Regen bremst.
Warum der Weg zurück so schwierig ist
Besonders schwierig ist das Recycling des Kautschuks. Bei der Reifenherstellung wird er vulkanisiert. Dabei entstehen chemische Querverbindungen, die den Reifen elastisch, stabil und widerstandsfähig machen. Zugleich verhindern sie, dass sich der alte Gummi später einfach wieder einschmelzen und neu formen lässt wie ein Thermoplast. „Der große Unterschied zwischen dem Recycling einer solchen Gummimischung und eines Thermoplasten ist: Der Gummi ist vernetzt, er fließt nicht mehr. Man muss ihn erst wieder in einen verarbeitbaren Zustand bekommen oder ihn eben als kleine Partikel nutzen“, sagt Beiner.
Beiner beschreibt die zentralen Anforderungen als „magisches Dreieck“: niedriger Rollwiderstand, guter Nassgriff und geringer Abrieb. Diese Ziele stehen teilweise in Konkurrenz. Ein Recyclingmaterial muss deshalb nicht nur verfügbar sein, sondern in der Mischung funktionieren, ohne Sicherheit oder Haltbarkeit zu beeinträchtigen. Besonders anspruchsvoll ist das in der Lauffläche.
Stahl lässt sich vergleichsweise leicht in neue Materialkreisläufe zurückführen. Er kann aus dem Reifen abgetrennt und wieder eingeschmolzen werden. Auch recycelte Rohstoffe aus anderen Materialströmen finden ihren Weg in die Reifenproduktion. Polyester aus gebrauchten PET-Flaschen lässt sich beispielsweise zur textilen Verstärkung im Reifen einsetzen. Auch wiederverwendeter Stahl kann aus anderen Produkten kommen. Michelin gibt beispielsweise an, dass sämtliche Metalle, die das Unternehmen in der Serienproduktion verwendet, aus getrennt erfasstem Recyclingmaterial stammen.
Der Umweg über die Chemie
Eine mögliche Lösung, dem Kautschuk im neuen Reifen ein zweites Leben zu schenken, bietet die Pyrolyse. Dabei werden zerkleinerte Reifen unter Ausschluss von Sauerstoff thermisch zerlegt. Es entstehen Öl, Gas und ein fester, ebenfalls kohlenstoffhaltiger Rückstand. Das Öl kann nach einer Aufbereitung wieder als Ausgangsstoff in die chemische Industrie gelangen. Daraus lässt sich dann erneut synthetischer Kautschuk herstellen.
Beiner sieht darin einen wichtigen Vorteil: Das Material wird in frühe Stadien der chemischen Wertschöpfungskette zurückgeführt. Am Ende kann ein Kautschuk entstehen, der chemisch mit konventionell hergestelltem synthetischem Kautschuk vergleichbar ist. Der Nachteil: Dieser Weg ist energieintensiv.
Zusätzlich lässt sich Ruß bei der Pyrolyse zurückgewinnen, ein wichtiger Füllstoff für Reifen. Nach Beiners Einschätzung erreicht er allerdings noch nicht die Qualität hochwertiger neuer Rußsorten und kann diese deshalb nur teilweise ersetzen.
Was schon in der Serie steckt
Erneuerbare und recycelte Materialien sind mittlerweile in der Serienproduktion angekommen. Pirelli nennt für den P Zero E mehr als 55 Prozent biobasierte und recycelte Materialien, darunter je nach Reifengröße 25 bis 27 Prozent recycelte Rohstoffe. Continental gibt für den Ultra Contact NXT bis zu 65 Prozent erneuerbare, recycelte und massenbilanzzertifizierte Materialien an, darunter bis zu fünf Prozent recycelte. Im Michelin-Produktportfolio lag der Anteil erneuerbarer und recycelter Materialien 2025 durchschnittlich bei 32 Prozent, hier machten recycelte Rohstoffe sechs Prozent aus. Der Anteil von Materialien, die nachweislich aus Altreifen stammen und wieder in neue Reifen einfließen, ist bei den Herstellern derzeit jedoch noch gering.
Die Angaben sind nur bedingt vergleichbar: Sie beziehen sich teils auf einzelne Modelle, teils auf ein gesamtes Portfolio und fassen verschiedene Materialkategorien zusammen. Dabei bedeutet „massenbilanzzertifiziert“ nicht, dass der entsprechende Anteil physisch genau so im einzelnen Reifen steckt. Fossile und alternative Ausgangsstoffe werden gemeinsam verarbeitet, der alternative Anteil wird anschließend rechnerisch bestimmten Produkten zugeordnet.
Recycelte Rohstoffe und kreislauforientierte Verfahren werden künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Auch, weil erneuerbare und biobasierte Rohstoffe allein zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele voraussichtlich nicht ausreichen werden. Naturkautschuk ist aufgrund seiner besonderen Eigenschaften zwar ein zentraler Baustein auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, die verfügbaren Anbauflächen sind jedoch begrenzt. Eine Ausweitung kann Ökosysteme belasten oder mit dem Lebensmittelanbau konkurrieren.
Pirellis „Tyre to Tyre“-Projekt zeigt, wie ein kreislauforientierter Weg aussehen kann. „Das Projekt hat die Pilotphase hinter sich gelassen und befindet sich nun in der Industrialisierungsphase“, erklärt Matteo Battaini, bei Pirelli unter anderem verantwortlich für Nachhaltigkeit. Kreislauffähiger Synthesekautschuk werde bereits geliefert, wiedergewonnener Ruß solle folgen.
Für den breiten Einsatz recycelter Rohstoffe fehlen nach Angaben verschiedener Hersteller vor allem ausreichende Kapazitäten, gleichbleibende Qualität, verlässliche Lieferketten und wettbewerbsfähige Kosten. Konzeptreifen und Pilotprojekte zeigen, was technisch bereits möglich ist. Diese Fortschritte in die breite Serie zu übertragen, bleibt die entscheidende Aufgabe. Einzelne Materialien finden bereits zurück in neue Reifen. Ein geschlossener Kreislauf im großen Maßstab ist daraus noch nicht geworden.