KI-Shift, Zölle, politisches Patt Was Trumps Niederlage für die Börse bedeutet
Während Vertreter der Demokratischen Partei noch über ihren Erdrutschsieg bei den Midterms jubeln, zeigen sich viele Börsianer besorgt. Die krachende Niederlage von US-Präsident Donald Trump (80), der zwar nicht selbst zur Wahl stand, aber stellvertretend bei den Kongresswahlen abgestraft wurde, bringt in zahlreichen Branchen die Unsicherheit zurück. Für Anleger, die über ETF-Sparpläne auch in Aktien der Technologie-, Energie- und KI-Branche investiert sind, hat das Folgen. Die Belastungsfaktoren im Überblick.
Politisches Patt könnte für Stillstand sorgen
Die oppositionellen Demokraten haben die Mehrheit in beiden Kongresskammern, Repräsentantenhaus und Senat, erobert. Beobachter erwarten nun ein sogenanntes „Gridlock“, also politischen Stillstand, weil sich der US-Kongress und der noch amtierende Präsident gegenseitig blockieren dürften. Trump hat bereits angedroht, neue Gesetzgebungen der Demokraten notfalls mit einem präsidialen Veto zu blockieren. Im Gegenzug dürften die Demokraten dem Präsidenten das Regieren erheblich erschweren – obwohl Trump bereit in der Vergangenheit häufig am Kongress vorbei per Dekret Entscheidungen umgesetzt hat. Unabhängig von den parteipolitischen Vorlieben: Eine Pattsituation und gegenseitige Blockaden sind in Zeiten von hoher Inflation und Jobabbau nicht hilfreich.
Trump im Gridlock: Agiert er noch erratischer?
Ein weiteres Risiko liegt in der Psyche des Präsidenten. Trump könnte nach seiner deutlichen Niederlage noch erratischer regieren als ohnehin schon – sowohl in der Außenpolitik im Iran wie auch in der Zollpolitik. Als angeschlagener Noch-Amtsinhaber ist Trump unberechenbar – und könnte jetzt erst recht ohne Rücksicht auf die Folgen seines Tuns agieren. Der Ölpreis zog am Mittwoch bereits wieder an: Eine mögliche Eskalation im Iran-Konflikt und im Nahen Osten wird nicht ausgeschlossen.
Mit unbequemen Mehrheitsverhältnissen zu Hause könnte sich Trump mehr auf die Außenpolitik konzentrieren, glaubt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Der Präsident werde sich künftig noch mehr auf Verordnungen stützen. „Zölle und Handelskonflikte könnten wieder stärker in den Vordergrund rücken.“
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KI- und Techbranche droht mehr Regulierung
Elon Musk, Mark Zuckerberg, Larry Ellison und Co: Die Vertreter von „Big Tech“ haben US-Präsident Donald Trump hofiert und Millionen Dollar in seinen Wahlkampf investiert. Als Gegenleistung haben sie Deregulierung bekommen und konnten ihre Vorhaben weitgehend ohne störende Gesetzgebung umsetzen. Doch nun droht Big Tech politischer Gegenwind: Der Widerstand gegen den Bau immer größerer Rechenzentren in den USA ist gewachsen, und auch die Rufe nach einer stärkeren Regulierung der KI-Unternehmen werden lauter.
Trump hatte der Branche jüngst noch einen Freibrief erstellt: Es sei am besten, wenn die Branche „sich selbst reguliere“. Der jüngste Kursrutsch in der Tech- und KI-Branche könnte sich nun fortsetzen: Musk und Zuckerberg hängen ihre Fahne gern nach dem Wind, doch der Wind hat sich gedreht. Musk, der sich mit Millionensummen politischen Einfluss kaufte und allein in Texas mehr als 150 Millionen Dollar (erfolglos) in den Wahlkampf investiert hat, nahm die Niederlage mit Humor: „Ich schätze, meine Weltraum-Laser zur Wahlbeeinflussung haben diesmal nicht funktioniert“, schrieb Musk.
Sherrod Brown lässt Kryptobranche zittern
Sieger im Senatsrennen von Ohio: Krypto-Kritiker Sherrod Brown
Foto: Shannon Stapleton / REUTERSDer selbst ernannte „Kryptopräsident“ Trump hat die vergangenen zwei Jahre im Weißen Haus, um sich und seine Familie persönlich zu bereichern – eine wichtige Rolle dabei spielten Krypto-Wetten und die Herausgabe von Token. Die führenden Köpfe der Kryptobranche, darunter die Zwillinge Tyler und Cameron Winklevoss, gehören zu den wichtigsten Wahlkampfspendern Trumps: Im Senatsrennen im umkämpften US-Bundesstaat Ohio wendete der von der Kryptoindustrie finanzierte Fairshake-Super-Pac rund 56 Millionen Dollar darauf, um die Wahl des demokratischen Kandidaten Sherrod Brown zu verhindern. Brown hatte sich als ehemaliger Vorsitzender des Bankenausschusses im US-Senat für eine stärkere Regulierung der Kryptoindustrie starkgemacht.
Doch trotz dieser großen Summen setzte sich Brown in Ohio souverän durch und dürfte nun zum Schrecken der Kryptoindustrie werden. Brown holte sich den Senatssitz, den bis vor zwei Jahren der aktuelle US-Vizepräsident JD Vance hielt. Browns Rückkehr in den Bankenausschuss ist wahrscheinlich: Der Kryptoindustrie stehen unruhige Zeiten bevor, die wichtigste Kryptowährung Bitcoin reagierte bereits am Mittwoch mit Verlusten auf das Ergebnis der Midterm-Wahlen.
Moratorien und Baustopp für Rechenzentren?
„Mit diesem Wahlergebnis zeichnen sich eine strengere Regulierung von Technologie- und KI-Unternehmen ab“, sagte Prashant Newnaha, Stratege bei TD Securities. Die Sorgen der Anleger gelten insbesondere dem Ausbau von Rechenzentren. Sollte Texas wie New York ein Moratorium für Rechenzentren verhängen, könnten sich Projekte weiter verzögern, warnte Kim Seok-hwan, Analyst bei Mirae Asset Securities. „Die heutige Marktreaktion spiegelt eindeutig die Sorgen und die Unsicherheit über diese Themen wider.“ Tech-Milliardär Elon Musk kommentierte den Gegenwind für weitere Rechenzentren auf seine Weise: „Rechenzentren im All wirken gerade ziemlich ansprechend“, schrieb der Space-X-Chef auf X.
Dollar schwächer
Am Anleihemarkt stiegen die Kurse, während die Renditen im Gegenzug nachgaben. „Anleihen sind die klaren Gewinner, da die Märkte die KI-Wette auf den Prüfstand stellen und davon ausgehen, dass weitere Steuersenkungen auf Eis gelegt und die Staatsausgaben gedrosselt werden“, erklärte Newnaha. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen fiel um sechs Basispunkte auf 4,906 Prozent. Am Devisenmarkt verlor der Dollar gegenüber den wichtigsten Währungen.